Folge 7 – „Assistenz.de“ – über die Individualität der persönlichen Assistenz mit Paula Wollermann

Jungs, Mädchen, Frauen & Männer leiten die Folge mit dem Satz „Ich bin Inklusion“ ein. Zum Schluss der Einleitung sagt Katrin „…und gemeinsam“ Christin sagt „…sind wir alle Inklusion“.

Christin: Hallo und Herzlich Willkommen zu unserem Podcast Zeitgeist der Inklusion. Ich bin Christin.

Katrin: Und ich bin Katrin.

Christin: Wir reden hier nicht nur über unsere Arbeit als Assistentinnen für Menschen mit Behinderung, sondern auch mit den verschiedensten Gästen, die sich mit dem Thema Inklusion, Diversity, Teilhabe und Akzeptanz verbunden fühlen. Wir hoffen, wir können vor allem Euch, die sich bis jetzt noch keine Gedanken dazu gemacht haben, mit unserem Podcast abholen und Euch alles rund um diese Themen näherbringen. Unser Motto lautet nämlich „Wir brauchen die Inklusion und die Inklusion braucht uns.“

Katrin Wir dachten, dass wir nach einer so emotionalen Folge, wie die letzte, jetzt mal eine Folge zum Durchatmen und Entspannen kreieren.

*beide atmen tief ein und aus*.

Katrin: Spürt Ihr es auch? Für unsere 7. Folge haben wir uns nämlich ein Unternehmen dazu geholt, welches hier in der Berliner Region, dem ein oder anderen im Assistenzbereich, sicher nicht unbekannt ist und zwar ist es Assistenz.de. Assistenz.de ist nicht nur ein Assistenzdienst, sondern auch ein großer Unterstützer in Sachen Budgetberatung. Die liebe Paula von Assistenz.de arbeitet selbst in der Beratung und war so lieb und hat sich mit uns zum Interview getroffen und hat sich unseren kritischen und bohrenden Fragen gestellt.

Christin: Ja, danke liebe Paula.

Katrin: Es war ein sehr schönes Interview.

Christin: Mit dieser informativen Folge wollen wir Euch einen kleinen Einblick hinter die Kulissen der persönlichen Assistenz geben. Wir reden ja immer davon, wie cool das ist, so ein selbstbestimmtes Leben umsetzen zu können. Wie gut und positiv es ist selbst Arbeitgeber*in zu sein und sich die Assistenten*innen selbst auszusuchen. Allerdings ist das Ausmaß dahinter vielen natürlich gar nicht bewusst. Zum Einen natürlich, weil man selbst damit nichts zu tun hat oder nicht alltäglich damit nicht konfrontiert wird, aber wir wollen das ein bisschen damit ändern und das Bewusstsein ein wenig dafür erweitern. Was steckt also alles dahinter? Was bedeutet das für unsere Assistenznehmer*innen und für die Assistenten*innen im Arbeitgebermodell und wo gibt es Hilfe? Wo gibt es Unterstützung? Wir hoffen, dass ihr mindestens genauso viele Aha-Momente erlebt, wie wir sie erlebt haben.

Katrin: Bevor es aber losgeht, hier noch ein paar Fakten zu dem Unternehmen. Aktuell gibt es seit Gründung 2016 eine Niederlassung in Berlin und eine in Hamburg. In Planung ist eine in (Achtung Spoiler Alarm) München. Es arbeiten 34 Mitarbeiter*innen in den Büros, wovon zwei in Elternzeit sind, wie die liebe Paula uns verraten hat. Das Witzige daran ist nämlich, dass beide Kinder Assistenz.de Kinder sind, jeweils Mama und Papa sind also dort angestellt. Diesen kleinen Funfact fanden wir so charmant, dass wir Euch den nicht vorenthalten wollten.

Christin: Ich hoffe Paula, wir dürfen das hier sagen, aber wir fanden es wirklich so cool, dass wir das unbedingt mit einbringen wollten, weil es das wirklich super charmant und sympathisch macht.

Katrin: Das stimmt. Jetzt kommt der Fakt, der deutlich für Assistenz.de spricht, bei ihnen sind ca. 150 Assistenten*innen angestellt. Es gibt ca. 120 Arbeitgeber-Kundinnen mit ca. 600 Mitarbeitern.

Christin: Im Interview haben wir dann wirklich staunend dagesessen und waren kurz ein bisschen sprachlos. Spätestens bei dieser Info haben wir uns dann gedacht, kein Wunder, dass es in Berlin keine Stellenanzeigen mehr gibt.

*beide lachen*                                                                                                 

Katrin: Das stimmt allerdings.

Christin Das ist nämlich doch schon so ein bisschen auffällig, dass es wirklich wenig Arbeitgeber*innen gibt, die aktuell auch suchen bzw. auch kaum Assistenten*innen.

Katrin Es ist sehr ausgedünnt.

Christin: Ja, danke an Assistenz.de.

Katrin: Was ihr aber auf keinen Fall verpassen dürft, sind zum Schluss die beiden Vereine, die wir Euch heute vorstellen wollen. Chrissy und ich haben beide einen persönlichen Bezug zu ihnen und finden diese ganz wunderbar passend zum Thema Assistenzdienste. Seid also gespannt.

Christin: Außerdem haben wir uns mal wieder die Zeit genommen, nach ein paar Funfacts zu suchen. Das war zwar gar nicht so leicht, aber wir haben uns für die Sparte – Jobs in der Vergangenheit – entschieden. Schließlich waren wir ja nicht immer Assistentinnen und seid gespannt, weil wir haben uns ein paar Fragen vorbereitet, die wir uns gegenseitig stellen werden und keiner von uns beiden hat sich auf die Antworten darauf vorbereitet.

*beide lachen*

Christin: Das wird lustig. Jetzt aber erstmal, ihr Lieben viel Freude mit unserem Interview.

Christin: Hallo Paula, schön, dass wir hier bei dir sein dürfen.

Katrin: Hallo!

Paula: Hallo! Schön, dass ihr hier seid.

Christin: Wir sind heute im Büro von Assistenz.de und haben die liebe Paula bei uns gegenübersitzen und Paula erzählt euch jetzt erst mal, wer sie so ist und was sie eigentlich hier so macht.

Paula: Wir sind Assistenz.de. Wir sind ein Assistenzdient, ein Dienstleister im Bereich Persönliche Assistenz. Wir bieten aber auch Budget Assistenz an. Also sowohl Menschen, die einen Dienstleister in Anspruch nehmen wollen, als auch Menschen, die selber Arbeitgeber werden wollen, unterstützen wir und beraten wir zum Thema Persönliche Assistenz, bei der Antragsstellung und begleiten auch die Antragsstellung.

Christin: Also vom Anfang bis Ende.

Paula: Genau.

Christin: Ah, okay.

Katrin: Und was ist deine Position bei Assistenz.de?

Paula: Genau. *lacht* Ich arbeite in der Beratung, das heißt, ich berate Menschen mit meinen Kollegen zusammen, die von ganz unterschiedlichen Standpunkten zu uns kommen, also von „Ich habe gerade Assistenz zum ersten Mal gelesen. Was ist denn das?“ bis zu „Ich bin schon total informiert und ich möchte das jetzt endlich angehen und umsetzen. Was muss ich als nächstes machen?“ Die landen erst einmal alle bei uns in der Beratung und wir gestalten dann zusammen den Weg, bis hin zur persönlichen Assistenz, die dann, wenn gewünscht, auch direkt von uns erbracht werden kann.

Christin: Und seid ihr für beide Parteien beratend tätig, also für Assistenznehmer:innen, Arbeitgeber:innen und für Assistenten? Also könnten quasi auch einfach Assistenten, die noch nie davon gehört haben, das passiert uns relativ oft, dass wir mit Leuten reden, die uns fragen, was wir beruflich machen und wir erklären dann halt, dass wir persönliche Assistenten sind für Menschen mit Behinderung, dass sie dann immer fragen, was das so ist und dann auch immer sagen „Ja, Interesse an dem Beruf hätte ich schon.“ Passiert euch das dann auch oder sind das dann wirklich Leute, die gezielt nach Assistenz suchen?

Paula: Genau. Es sind eigentlich nur Assistenznehmer, manchmal auch eine kollegiale Beratung zwischen EUTB’s und uns, also unabhängige Teilhabeberatungsstellen.

Christin: Das habe ich mich gerade gefragt, schön, dass du es erklärt hast.

Paula: Da beraten wir uns auch schon mal gegenseitig. 

Christin: Aber es kommt jetzt nicht direkt vor, dass  Menschen anrufen, die sich nach dem Beruf an sich erkundigen, weil sie Assistenz gegoogelt haben, weil wenn wenn ich bei Google ‚Assistenz‘ suche, dann lande ich auch schon bei euch.

Paula: Nein, das kommt eigentlich nicht vor.

Christin: Ah, das hätte ich jetzt eigentlich gedacht.

Paula: Also es kommt vor, dass Leute zu bestimmten Stellenangeboten anrufen. Da können wir aber in der Regel nicht weiterhelfen, weil auf unserer Seite entweder Arbeitgeber inserieren können, da können wir natürlich keine Auskunft geben, was die Stelle genau betrifft.

Christin: Es können quasi Arbeitgeber bei euch auf der Seite freie Stellen ausschreiben.

Paula: Genau.

Christin: Ich dachte, das kommt immer von euch. Wie eine richtige Börse, könnte man das schon nennen.

Paula: Nicht nur, nein. Wir prüfen alle Anzeigen und einen Großteil der Anzeigen sind auch von unseren Kunden, entweder Arbeitgeber, Kunden oder auch von unserem Dienst. Aber wir suchen auch selber darüber, es steht allerdings auch jedem Anderen frei.

Christin: Verstehe.

Katrin: Mich würde noch interessieren, wie lange du schon bei Assistenz.de arbeitest? Bist du seit Anfang an dabei?

Paula: Ich bin relativ neu. Ich hab erst letztes Jahr im April angefangen, mitten in der Corona Krise, im Homeoffice wurde ich dann eingearbeitet. Zusammen mit einer anderen Kollegin haben wir gleichzeitig angefangen. Assistenz.de gibt es seit 2016, da wurde auch der erste Dienst in Hamburg gegründet und seitdem hat sich das kontinuierlich weiter entwickelt und die Beratungsabteilung ist auch erst jetzt so groß gewachsen, dass wir mittlerweile insgesamt fünf Kollegen nur in der Beratung sind.

Katrin: Und wie hast du von Assistenz.de erfahren? Also kommst du auch aus dem Bereich? Hast du als persönliche Assistentin gearbeitet oder bist du so reingerutscht?

*Chrissi und Paula lachen*

Paula: Weder noch. Also ich bin eigentlich Sozialarbeiterin und habe vorher in der offenen Kinder- und Jugendhilfe gearbeitet, während des Studiums hab ich aber auch mal ein Jahr in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung gearbeitet. Für mich war klar, dass ich nicht immer nur Kinder- und Jugendhilfe machen möchte und fand es schade, im Studium sind Menschen mit Behinderungen als Zielgruppe fast gar nicht aufgetaucht. Der eine Kurs, den ich besuchte, wo es auch mal um Menschen mit Behinderung ging, war Gesundheit und Krankheit in der sozialen Arbeit.

Christin: Sonst wurde es nicht weiter thematisiert?

Paula: Ich glaube, es kommt auch ganz auf die Hochschule an. Sicher gab es auch Kurse, in denen in den Spezialisierungen, wo das auch nochmal angesprochen wurde. Ich hab dann schlussendlich als Spezialisierungskurs Gerontologie gewählt.

Christin: Was ist das? Für uns Nichtstudierte? *lacht*

Paula: Es geht um alte Menschen…

Paula: …und um das Altern und verschiedene Aspekte, Gesundheit und so was, aber auch politische Aspekte und strukturelle Aspekte von Menschen im Altern, und das war halt ein richtig cooler Dozent. Auf den bin ich damals zugegangen und habe gesagt, Behinderungen kommen hier viel zu wenig vor. Ich weiß, es ist auch nicht Gerontologie, das ist genauso verklemmt wie Behinderung nur in Gesundheit und Krankheit zu stecken, aber der war halt als Typ total cool und auch sehr interessiert daran und hat das Thema dann auch ein wenig mitgetragen und bei dem haben wir dann auch unsere Bachelorarbeit zum Thema Assistenz geschrieben.

Christin [00:05:36] Dann bist du zu Assistenz.de?

Paula: Nach dem Studium habe ich noch im Jugendklub gearbeitet. Es hat mir dann aber nicht mehr so viel Spaß gemacht und da hatte es mich schon Richtung Assistenz gezogen. Ich hab zwischendurch nochmal überlegt, mich in einem anderen Unternehmen zu bewerben, für eine geschützte Betriebsabteilung heißt das, also wo Menschen mit Behinderung in einem Betrieb arbeiten in der eigenen Abteilung und dort Produktionsschritte machen.Schlussendlich habe ich das aber nicht gemacht und danach tauchte schon Assistenz.de in meinem Leben auf. Ich habe die Website gesehen und war sofort überzeugt, dass das hier genau das ist, wie ich mir Assistenz vorstelle.

Christin: Ich hatte mich auch schon mal hier wiedergefunden. Ich war schon mal hier, auf der anderen Seite quasi, auf der Assistentenseite und hatte eben auch genau diesen Eindruck als ich hier war. Alle Menschen, die mir hier begegnet sind, es ist ja noch überschaubar, aber alle waren super nett und super freundlich und auch die Kommunikation am Telefon war gut. Deswegen war es der erste Dienstleister, an den wir mit guten Gewissen gedacht haben, für ein Interview mit uns, eben weil ich mit so einem guten Gefühl rausgegangen bin.

Paula: Das freut uns natürlich sehr.

Katrin: Die Webseite ist auch wirklich sehr, sehr schön, die können wir euch nur empfehlen, einfach mal durchzugucken.

Christin: Ja, wir verlinken die auf jeden Fall dann in den Shownotes. Sie ist auch sehr übersichtlich. Wollen wir mal so ein bisschen auf die Struktur des Dienstes eingehen. Du hattest ja gesagt, ihr habt mehrere Bereiche. Einmal den Dienst an sich, den Assistenzdienst, die Budgetassistenz und die Beratung?

Paula: Genau und dann kommen noch die Backofficeabteilungen dazu. Also wir haben auch in Hamburg ein Assistenzdienst und in Berlin, die sind unabhängig voneinander, also das sind zwei Assistenzdienste, die halt jeweils lokal bzw. im Einzugsgebiet arbeiten. Wir arbeiten jetzt schon bundesweit, wie es sich halt umsetzen lässt und dann wird die Zuteilung halt jeweils nach Nähe gemacht. Was ist näher an Berlin oder Hamburg? So, dann haben wir auch eine Abteilung Eingliederungshilfe.

Christin: Das ist etwas, das mich total interessiert. Das hatten wir schon mal und zwar der Unterschied zwischen Geldbetrag und Dienstleistung. Weißt du das zufällig? Es gibt die Möglichkeit im persönlichen Budget, wenn ich das jetzt richtig verstanden hatte, man kriegt entweder einen Geldbetrag oder man kann die Dienstleistung dazu beantragen. Ist das dieses Prinzip? Pflegedienst – Arbeitgebermodell.

Paula: Das klingt für mich eher nach Sachleistungen. Was ist persönliches Budget? Also bei der Sachleistungen bewilligt dir der Träger die Leistung und du bekommst die Leistungen vom Dienstleister, aber das Geld wandert nur zwischen Träger und Dienstleister hin und her.

Christin: Man hat selber nichts damit zu tun, quasi als Arbeitgeber, dann in dem Sinne aber man darf sich aber seinen Assistenten trotzdem aussuchen, es ist nur das Geld, was anders verschickt wird.

Paula: Genau, bei uns ist das der einzige Unterschied.

Christin: Ich bin da nämlich schon in den Recherchen total oft drauf gestoßen und das hatte Patricia in Folge 5 ja auch schon mal erwähnt, dass es diesen Unterschied von Sachleistungen und…

Paula : … ein persönliches Budget gibt. Also im persönlichen Budget kann man dann auch Arbeitgeber sein und seine Assistenten selber anstellen, aber halt auch einen Dienstleister von dem Geld bezahlen. Es gibt manchmal regional Unterschiede, ob Träger lieber eine Sachleistungen bewilligen oder ein persönliches Budget. Dann gibt es regional auch die Möglichkeit. Also wir sind ja nur in Berlin und Hamburg zugelassen. Wir können in Einzelfällen auch woanders arbeiten, das ist aber immer im Austausch mit dem Träger, das müssen wir verhandeln, wie wir das machen können. Manchmal geht das nur übers persönliche Budget, weil wir mit denen keine Vereinbarung haben und manchmal geht das auch als Sachleistungen. Aber ja, grundlegend sucht sich der Kunde aus, was er möchte, ob er das Geld selber als Kunde auch haben und für uns ausgeben möchte. Das ist ja auch ein anderes Gefühl, wenn ich meinen Dienstleister selber bezahle, aber das können wir nicht überall immer umsetzen, es hängt eben auch viel vom Träger ab und wie die das am liebsten hätten.

Christin: Was glaube ich für die Zuhörer interessant wäre, wenn wir so ein bisschen tiefgründiger in die Bereiche gehen, also um für alle, die dann halt eben doch nicht so viel Ahnung davon haben, so einfache Sachen erklärt sind. Wir haben persönliches Budget und Arbeitgebermodell grundlegend schon mal erklärt, wer es jetzt gerade zum ersten Mal hört – Folge 1 – aber vielleicht kannst du das ja nochmal aus eurer Sicht erklären, wie ihr da auch als Unternehmen handelt, wenn wir jetzt Arbeitgeber werden wollen oder Assistenznehmer sind und wir würden fitkiv bei euch anfragen. Was sind die ersten Schritte?

Paula: Angenommen, du rufst bei mir an und weißt noch nicht so richtig über Assistenz Bescheid, aber es interessiert dich, dann machen wir erst einmal ein Telefongespräch, wenn das möglich ist, sonst geht’s auch per E-Mail, dann würde ich erklären, was Assistenz überhaupt ist. Was unterscheidet Assistenz von standardmäßig Pflegedienstleistungen? Dann die Möglichkeiten erklären, wie du das umsetzen kannst, also entweder als Sachleistung von einem Dienst, als persönliches Budget und dann auch wieder Dienst oder Arbeitgeber. Dann geht es darum, welche Verantwortung welches Modell auch mit sich bringt. Als Arbeitgeber leitest du halt deinen eigenen Betrieb mit der vollen Verantwortung dafür, dass es auch nicht für jeden was und dann überlegst du wahrscheinlich erst einmal, was für dich am besten in Frage kommt und dann würden wir gemeinsam einen Antragsentwurf formulieren, wenn du möchtest.

Christin: Ah und dann beantragt ihr das?

Paula: Genau. Also du würdest den selber abschicken.

Christin: Aber vermutlich ist das, wie man es aus dem Papierkrieg kennt, viel Papierkram und da alleine durchzusteigen ist vermutlich auch schwierig. Also das ist ja dann schon hilfreich, wenn man jemand hat, der das dann auch begleitend mitmacht.

Paula: Es ist leider in vielen Regionen Deutschlands extrem anstrengend …

Christin: Bürokratisch.

Katrin: Unübersichtlich.

Paula: Teilweise wollen die Träger nicht, dass Leute ein persönliches Budget bekommen und man merkt, dass sie das mit allen Mitteln erschweren wollen.

Katrin: Warum? Gibt es da ersichtliche Gründe zu?

Paula: Das persönliche Budget von 24Stunden ist teurer als ein Heimplatz. Und es gibt Regionen, da sehen die Leute halt nicht ein, warum nicht einfach jeder Behinderte in ein Heim geht.

Christin: Dass ist dieses klassische Klischee.. Dieses weg vom selbstbestimmten Leben und da haben wir es wieder, da will der Staat auch wieder sparen. Dann tut sich der Träger schwer, aber prinzipiell steht es doch jedem Menschen zu?

Paula: Genau. Also jeder Mensch mit Behinderung kann Leistungen, die er auch als Sachleistungen bekommen würde, wenn es möglich ist, das als Geldleistungen zu bezahlen, auch als persönliches Budget bekommen.

Christin: Gab es schon mal Ablehnungen?

Paula: Ja.

Christin: Was passiert dann? Wie geht man dagegen vor? Widerspruch oder haut man gleich mit dem Hammer auf den Tisch und sagt, ich klage.

Paula: Bestenfalls holt man sich anwaltliche Unterstützung, aber auch schon fürs Widerspruchsverfahren. Man muß dieses Widerspruchsverfahren durchmachen, bevor man klagen kann. Also wir raten den Leuten, mit denen wir zusammenarbeiten, das die dann einen ganz einfachen Widerspruch nur vorschreiben und sagen, dass sie die Begründung nachreichen und sich dann anwaltliche Unterstützung holen.

Christin: Okay. Aber das zieht sich dann nochmal gut und gerne lange hin. Ich stell‘ mir das wirklich so vor, es gibt da jemanden, die oder der will jetzt von zu Hause ausziehen und möchte wirklich ins persönliche Budget oder ins Arbeitgebermodell und dann hat man vielleicht schon einen Uniplatz oder eine Ausbildung und dann will man los. Aber dann ist da die Bürokratie, das zieht sich, was macht man denn dann? Also so stelle ich mir das dann immer praktisch vor, ich meine, wo ist denn da die Hilfe für die Überbrückung, bis das dann bewiligt ist, also ich weiß ihr als Dienst könnt da ja nichts machen, aber so aus praktischer Erfahrung.

Paula: Es kommt in meiner Erfahrung nicht so oft vor, dass die Leistung komplett abgelehnt wird. Das hab‘ ich auch schon erlebt, aber meistens bekommt man einfach nur viel zu wenige Stunden oder zu einem ganz beschissenen Preis, so dass man seine Assistenten nicht ordentlich entlohnen kann und dann findet man halt auch schwierig Leute.

Christin: Ja klar, gerade in Berlin auch. Ich meine, ich weiß nicht, wie es in Hamburg ist, aber Berlin ist ja da durch den Tarifvertrag oder durch die tariflichen Verhandlungen ja eigentlich gut. Also das hatten wir, das babe ich auch schon mal bemängelt. In Mecklenburg-Vorpommern ist es ja gerade mal so der Pflegemindestlohn und es ist nach wie vor so. Ich habe mehr Geld am Ende des Monats raus, wenn ich nach Berlin arbeiten fahre, als wenn ich vor der Haustür arbeite. Was ja eigentlich total dämlich ist. Es gibt so extreme Unterschiede.

Paula: Ja also wir als Dienst sind nicht tarifgebunden in Berlin, aber wir haben halt in Berlin und Hamburg Stundensätze verhandelt mit den Pflegekassen und zuständigen Trägern der Sozialhilfe und Eingliederungshilfe und davon können wir halt ein faires Gehalt bezahlen und Arbeitgeber, die in Berlin ein persönliches Budget haben und persönliche Assistenz davon bezahlen, also die meisten müssten mittlerweile beim Lageso angesiedelt sein? Wahrscheinlich ist es schon komplett, weil die Arbeitgeberkunden in Berlin dürfen auch nach TV-L zahlen. Also auch ein Stundenlohn von mindestens 13,04 Euro oder so? Oder 13,45 Euro.

Katrin: Ich dachte, dass der mittlerweile gestiegen ist. ist der nicht bei 14,09 Euro?

Paula: Der TV-L ist gestiegen, aber die Anpassung bekommt der Arbeitgeber immer erst ein Jahr später. Es ist halt auch problematisch, wenn man Dienste in Anspruch nehmen möchte und keine Ahnung, in einem Land von Deutschland wird 25 Euro pro Stunde gezahlt und in Berlin brauchst du aber 33 Euro um einen Dienst zu finden. Das ist halt blöd. Dann muss man darauf hoffen, dass auch ein Dienst in Berlin für 25 Euro arbeitet.

Christin: Ach krass. Ja, das ist nämlich auch eine sehr gute Frage, wenn wir über all das reden, wie das mit der Beantragung läuft, was mich ja wirklich brennend interessiert, wer zahlt denn das? Ich meine, ihr müsst ja alle bezahlt werden. Also ich meine, wenn man selbst bei einer Beratung anruft und sich nur informieren möchte, wie das jetzt so weitergeht und bis hin macht man den Papierkram und wenn dann natürlich ein Budget ja schon beantragt ist, ist das ja mit einkalkuliert, verstehen wir, aber was ist denn bis dahin? Ich meine, da arbeitet man ja erstmal für lau, bis das alles genehmigt ist.

Paula: Also wir haben halt die 2 Assistenzdienste, wo natürlich die Personalkosten von den Assistenten mit abgedeckt sind, aber auch unsere Overheadkosten und wir versuchen halt überall so effizient es geht zu arbeiten, damit wir gleichzeitig alle gut bezahlen können, aber auch die Qualität hoch halten können und dann eben auch so Sachen wie die Beratung mit querfinanzieren können.

Christin: Ja gut, aber es ist ja dadurch, dass ihr ja ein relativ großes Unternehmen seid, ist das ja nicht so. Ihr seid ja nicht unbekannt. Also wenn ihr ein neues Budget beantragt, ist das ja nicht, als würde ich jetzt da anrufen und würde ein Budget beantragen wollen. Ich stelle es mir halt unglaublich schwierig vor. Ich habe einmal Kindergeld beantragt, das hat mir gereicht.

Paula: Ja, also vom Dienst kommt halt Geld rein und das dann auch aus den persönlichen Budgets der Arbeitgeber umgesetzt wird, da bekommen wir halt für die Budgetassistenz in der Regel auch Geld. Wobei wir das nicht davon abhängig machen, ob und wieviel jemand uns bezahlen kann, weil es gibt einfach Träger in Deutschland, die bezahlen nichts für Budgetassistenz.

Christin: Ach krass. Aber wo soll denn das alles herkommen?

Paula: Also manche Träger verweisen an kostenlose Angebote, die nicht existieren. Manche zahlen halt 90 Euro nur für die Lohnbuchhaltung, aber dass an so einem Betrieb noch viel mehr hängt als nur eine Lohnbuchhaltung, das sehen die nicht. Es gibt aber auch Träger, die zahlen angemessen viel und so gleicht sich das so ein bisschen aus.

Katrin: Aber gute Qualität hat ja auch seinen Preis und jeder möchte das Beste für sich und sein Team.

Christin: Naja, das sollte ja eigentlich so Standardanforderung sein. Also als 24Stunden Bedarf

Paula: Ich meine auch die Unterstützung. *lacht*

Christin: Ach so.

Paula: Ja klar. Wir sprechen vorher grob darüber, wie die Situation aussieht, wie der Bedarf aussehen könnte, aber wir können keine Bedarfsermittlung machen, d. h. wir beantragen im Grunde das, was wir erfahrungsgemäß, also erste Sache das, was der Kunde möchte, wenn er sich unsicher ist, dann können wir ihm sagen, wie unsere Erfahrungen sind oder ihr. So, und dann kommt man zu so einer Stundenzahl, die wir beantragen. Genau, dann ist der Antrag abgeschickt und dann geht’s an die nächsten Schritte. Je nachdem, wieviel Unterstützung du haben möchtest, sag ich dir, was du als nächstes machen kannst oder mach‘ das für dich. Wir fragen immer nach einer Woche nach, ob der Antrag eingegangen ist und dann nach zwei Wochen muss die Zuständigkeit ja geklärt sein, das heißt, nach zwei Wochen fragen wir dann „Ist der Antrag da und sind Sie zuständig?

Christin: Gut zu wissen.

Paula: Das steht in §14 SGB NEUN zum Nachlesen.

Christin: Wow. Ich bin schwer beeindruckt.

Paula: Also da ist das ganze Antragsverfahren eigentlich geregelt für Rehabilitationsträger und auch wie die Zuständigkeiten so sind. Wenn Sie nicht zuständig sind, müssen Sie den Antrag weiterleiten an den Ihrer Meinung nach zuständigen Träger, d. h. wenn du den Antrag irgendwo hin stellst, ist es wurscht, die müssen den richtig weiterleiten. Also er sollte nicht verloren gehen. Ich habe aber auch schon erlebt, dass der bei der Grundsicherung gelandet ist und wir dann diskutieren mussten, dass wir keine Grundsicherung beantragen für 20.000 Euro.

Christin: Hallo?

Katrin: Schön wäre es.

Paula: Ja genau, wenn die Zuständigkeiten geklärt sind, dann müssen die den Bedarf feststellen. Fordern in der Regel auch noch mal Unterlagen an, da jedes Amt auch ein bisschen anders ist, was genau sie haben wollen, aber man kann das auch nachreichen. In der Regel muss man Einkommensnachweise schicken, Nachweis über die Behinderung, wenn man hat, ist ein aktuelles MDK Gutachten auch immer ganz gut oder andere Arztbriefe oder so, die halt den gesundheitlichen Zustand irgendwie belegen oder in welchen Bereichen man Assistenz braucht und dann macht der Träger in der Regel einen Termin zur Bedarfsfeststellung. Jedes Bundesland hat so eigene Instrumente, mit denen der Bedarf ermittelt werden muss, die müssen auch benutzt werden, auch wenn sich einige nicht daran halten wollen. Ja, und dann wird der Bedarf ermittelt und auf dieser Grundlage wird dann eine Zielvereinbarung, meistens vom Träger, vorgeschlagen. Wir überprüfen die dann immer nochmal zusammen, ob wirklich das drin steht, was man braucht oder ob es noch einzelne Kleinigkeiten gibt, die zu verändern sind, hinsichtlich der Budgetnachweise oder so und dann unterschreibt man die Zielvereinbarungen und bekommt dann den Bescheid. Wenn man mit der Zielvereinbarungen nicht einverstanden ist, aber der Träger auch nicht bereit ist zu verhandeln, dann unterschreibt man die trotzdem, kann man unter Vorbehalt machen, weil man nur gegen den Bescheid hinterher in Widerspruch gehen kann. Also gegen die Zielvereinbarung kann man sich erst mal nicht besonders zur Wehr setzen sonst.

Christin: Das ist sehr interessant. Aber dann darf es losgehen, wenn alles gut geht.

Paula: Genau.

Christin: Wir reden immer von den Fällen, die nicht gut gehen, reden wir doch mal von den Fällen, die gut gehen und dann kann es quasi mit der Assistenz so losgehen und dann ist das ja klar wieder Kundensache. Also wer selber suchen möchte vermutlich, oder?

Paula: Genau. Also ja, das ist auch dann wieder ein bisschen unterschiedlich, ob man Arbeitgeber ist oder zu uns in den Dienst möchte. Als Arbeitgeber, du kannst auch als Dienstkunde alles selber machen, aber als Arbeitgeber ist das halt deine Verantwortung das Personal zu finden. Wir unterstützen dabei auch mit Stellenanzeigen und leiten dann die Bewerbungen weiter, aber man kann natürlich auch noch außerhalb und überall nach Assistenten suchen. Dann wird das so von uns Beratungsmitarbeitern bei uns intern an die Verwaltung übergeben. Also die Informationen zum Budget und zum Kunden. Dann setzt sich die Verwaltung mit dem Kunden in Verbindung und macht so eine Art Erstberatung zum Betrieb. Also zu Arbeitsverträgen, checkt nochmal welche Gehälter gezahlt werden, welche Zuschläge und wenn dann die ersten Assistenten gefunden sind, dann kann der Betrieb angemeldet werden. Dieses betriebliche können wir übernehmen. 

Christin: Also Moment, man kann erst den Betrieb anmelden, wenn die Assistenten gefunden sind?

Paula:Du kannst ihn auch vorher anmelden, aber brauchst du halt nicht unbedingt.

Christin: Okay, verstehe. War nur gerade so ein Gedanke, das wäre ja noch schwieriger erst die Leute zu finden.

Paula: Nein, bei der Betriebsanmeldung, da weißt du schon alles. Also du weißt welchen Stundenlohn du zahlen kannst, wie viele Stunden, das ist ja alles im Bescheid und in der Zielvereinbarung geregelt. Den Betrieb einzurichten ist nur so um die Firma anzulegen, die Mitgliedschaft in der Unfallkasse zu beantragen, die Steuernummer zu beantragen und dann müssen die Mitarbeiter auch bei der Krankenkasse angemeldet werden.

Christin: Das ist krass, dass wenn ihr das alles mitberatet, was für ein Aufwand das ist, wenn man das alles alleine macht. Einem ist das Ausmaß dahinter auch gar nicht bewusst, was alles dahintersteckt.

Paula: Genau. Also man leitet einen Betrieb, mit allen Pflichten und Verantwortungen, die dazugehören. Dafür hat man aber auch super viel Freiheit. Dir kann halt keiner reinreden.

Christin: Das ist ja der Grund, warum viele das auch möchten, gerade für’s selbstbestimmte Leben. Wir befürworten das ja auch total. Wir sind da ja sehr parteiisch, was das angeht. Dazu dürfen wir ja auch stehen, weil wir ja nun selber Assistentinnen im Arbeitgebermodell sind, aber es ist halt für einige, wenn man immer wieder drüber redet, ist vielen nicht bewusst, dass unsere Assistenznehmer wirklich einen kleinen Betrieb leiten. Viele denken, das ist ja alles schön, aber wieviel dahinter einfach steckt. Es ist ja nicht so, als würde man nur ein oder zwei Leute anstellen, man hat ein relativ großes Team. Der Aufwand ist halt echt enorm und das über die vielen Jahre auch zu halten ist extrem.

Paula: Genau und wir versuchen halt so viel Unterstützung wie möglich anzubieten. Also wir können die meisten Sachen halt nicht übernehmen, also so eine Betriebseinrichtung, dieser ganze Kontakt zu den Stellen, das können wir übernehmen, aber so Sachen wie einen Mitarbeiter aussuchen, das kann dir keiner abnehmen, das musst du selbst entscheiden.

Katrin: Individuell.

Paula: Genau. Von daher bleibt auch mit dieser Budgetassistenz immer noch eine Menge Arbeit übrig.

Christin: Ich meine gut, ihr begleitet ja dann parallel.

Paula: Genau. Also wir Berater sind dann für alles zwischen Kunden und Träger zuständig und die Verwaltung für alles, was den Betrieb angeht, so teilt sich das bei uns auf. Ja und wenn es dann statt als Arbeitgeber im Dienst losgeht, fangen wir auch an, Personal zu suchen, bei uns darf jeder Kunde selber aussuchen, wer bei ihm arbeitet, wenn er möchte, kann er auch den Dienstplan selber gestalten. Wir müssen uns halt an bestimmte Grenzen halten, als Dienst. Wir würden z. B. auch keinen einstellen, der während der Arbeit Alkohol oder Drogen konsumiert

Christin: Stimmt, daran habe ich noch gar nicht gedacht.

Paula: Ja, aber wir haften halt dafür und deswegen ist da so eine Grenze z.B., genauso bei der Arbeitszeit. Wir können keine Blockdienste über mehrere Tage anbieten, auch wenn sich das viele Leute wünschen, sowohl die Assistenznehmer, als auch die Assistenten und Assistentinnen selber. Das können wir leider auch nicht anbieten.

Christin: Ihr stellt dann, wenn passendes Personal gefunden ist, dann übernimmt ihr ja im Gegenzug zu dem Arbeitgebermodell macht ihr ja dann quasi den ganzen Papierkram.

Paula: Also die gesamte Verwaltungsarbeit liegt dann bei uns. Der Kunde muss sich eigentlich um nicht viel kümmern, außer das was er möchte, also ebend Dienstpläne schreiben und wie er die Assistenz dann gestaltet, dass ist auch dem Kunden überlassen. Auch da ist dann wieder bei Gesetzen irgendwie eine Grenze und wir können auch keinen Mitarbeiter zwingen, irgendwas mitzumachen, was der nicht möchte, aber ansonsten haben wir versucht, soviel wie möglich, von dieser Freiheit und Selbstbestimmung aus dem Arbeitgebermodell auch im Dienst abzubilden, nur ohne den ganzen Verwaltungskram.

Christin: Das ist ja schon eine enorme Erleichterung. Will ich das? Habe ich die Muße wirklich mich da komplett voll reinzuhängen in diese Thematik, um mich damit auseinanderzusetzen oder will ich vielleicht wirklich nur meine Assistenz lieber selber aussuchen, aber hab‘ durch studieren oder Job einfach nicht die Zeit, all das andere alleine zu machen.

Paula: Oder auch keine Lust.

Christin: Ja, nicht jeder möchte wirklich so einen kleinen Betrieb führen, aber trotzdem ist ja dieses Recht auf ein selbstbestimmtes Leben im Fokus.

Paula: Genau und das sollte auch ein Assistenzdienst umsetzen können, finde ich.

Katrin: Gibt es auch die Möglichkeit, wenn Assistenten bei einem Assistenznehmer oder Assistenznehmerin aufhören, dass sie dann von euch weitervermittelt werden? Die Möglichkeit, dass jemand dann woanders anfängt, also dass er prinzipiell mit euch zufrieden ist und auch mit euch weiter arbeiten möchte aber halt in einen anderen Job geht.

Christin: Der gehört jetzt dir. *lacht mit*.

Paula: Also ja, hier in Berlin und in Hamburg kann das passieren, wenn es halt mit einem anderen Kunden passt. Also wir nehmen keinen Assistenten und sagen, hier das ist jetzt deiner, kommt klar … *lacht*.

Katrin: Viel Spass *lacht*.

Paula: Es muss halt dann trotzdem passen und das geht halt so in den Ballungszentren, wo wir viel arbeiten, wo wir nur einzelne Kunden haben, ist das halt leider schwierig umzusetzen, weil wir auch viele einzelne Kunden irgendwo in ganz Deutschland verstreut haben, wo kein anderer in der Nähe wohnt.

Katrin: Das ist dann klar.

Paula: Aber wir wollen ja irgendwann in jedem Bundesland auch einen lokalen Dienst aufmachen. Der nächste in München.

Katrin: Schönes Ziel.

Christin: Ist das schon spruchreif?

Paula: Ja.

Christin: Ja okay, also München. Wer uns in München hört.

Paula: Also ich kann kein genaues Datum sagen. Wir suchen halt noch Dienstleitungen in München und dann geht’s hoffentlich bald los. Gerade im Süden von Deutschland ist es halt noch schwierig für uns, weil die Fahrzeiten ultra lange sind. Das ist schon für Erstgespräche total schwierig umzusetzen, aber dann auch einfach, wenn wir als Assistenzdienst dort tätig sind, nicht immer cool. Also deswegen machen wir das begrenzt. Ja, und gerade auch Bayern ist schon so ein emotionales Thema für mich, weil dort so viel schiefläuft, was persönliche Budgets angeht. Oh, ich freue mich einfach so, wenn wir dort wenigstens einen Dienst haben und wenigstens das gut anbieten können.

Christin: Schwierig, ja?

Paula: Ja! Aber die Nachfrage ist auch da.

Christin: Ja, man sieht es ja auch immer bei Facebook in den Gruppen. Da sieht man ja, wer wo sucht und da sieht man, wo großer Bedarf vorhanden ist. Jeder der mit Assistenz zu tun hat, ist in diesen Gruppen auf Facebook unterwegs.

Paula: Es gibt auch Unterschiede in den einzelnen Regionen von Bayern, aber das ist von total Katastrophe bis sehr gut.

Christin: Aber schön, dass ihr da schon mal in den schlimmsten Bundesländern aushelft. Und dass ihr da hinterher seid, das finde ich wirklich sehr schön.

Paula: Und vor allem ist dann aber auch die die lokale Aufteilung ganz gut, dass wir dann auch im Süden Deutschlands generell ..

Christin: Ja genau – Hamburg, Berlin, München und dann fällt nur noch so der Ruhrpott.

Paula: Genau.

Christin: Assistenz.de erobert Deutschland. *lacht* Eine Frage fällt mir dazu noch ein, wie ist das denn, wenn bei euch jemand krank wird in den Assistententeams und dann ist dann wirklich die Kacke am dampfen und dann sind da bloß noch, was wir ja auch kennen, bloß noch zwei Leute plötzlich im Team und die drehen sich im Kreis und wissen nicht, wie sie das stemmen sollen. Habt ihr da so Notfallkontakte? Springer?

Paula: Ja, also in Berlin haben wir so einen Springerpool aufgebaut, weil diese Situation eben in manchen Teams so aufgetreten ist, aber man muss auch sagen, der Großteil der Teams schafft es bei uns super, sich zu organisieren. Also natürlich an erster Stelle sind die Dienstleitungen dafür verantwortlich, aber in manchen Teams liegt das dann auch komplett in der Verantwortung der Assistenten, weil die das so super machen miteinander und auch als Team gut funktionieren.

Christin: Ja, aber das ist das Gute daran, das mal so zu erfahren, finde ich cool. Vielleicht entscheidet sich ja doch der ein oder andere, durch das Hören der Folge, doch mal da reinzuschnuppern in die ganze Materie.

Paula: Ja, also hier in Berlin sind im Notfall halt die Leitungsteam auch noch da, 24-Stunden ist jemand erreichbar natürlich – muss ja auch.

Christin: Gerade jetzt zur Coronakrise, dann fühlt sich einer nicht gut und sagt „Ich möchte doch lieber zum Test. Kann mal einer irgendwie noch“ und dann muss ja jemand für den Notfall irgendwie da sein?

Paula: Ja.

Christin: Gut zu wissen.

Katrin: Aber ihr habt ja auf jeden Fall so einen kleinen Pool an Springern? Sind die dann auch trotzdem in festen anderen Teams oder was sind das für Assistenten? Was sind das für Menschen, die dann so Springer bilden, weil die kommen ja dann auch nicht auf ihre Stunden, oder?

Paula: Also es ist halt ja immer irgendwo Ausfall. Also die sind mittlerweile eben nicht nur für absolute Notfälle, sondern machen in einigen Teams halt auch ganz normal die Krankheitsvertretung mit. Die sind schon eingeplant, also nicht komplett natürlich, aber sind halt immer irgendwo im Einsatz.

Christin: Das wäre eine Stelle für mich, hätte ich kein Kind und würde ich in Berlin leben. Das wäre voll meins, wäre voll mein Ding. Das war früher schon so. Ich hatte bis mein Sohn geboren bzw. bis ich schwanger wurde, hatte ich ein Nebengewerbe auf diesen Bereich laufen, eben aus dem Grund, weil ich halt immer wieder einspringen wollte. Ich finde es immer so schlimm, wenn dann immer dieser wirklich so hohe Personalmangel war und es ist ja auch nicht jeder Assistent gerade sehr verantwortungsvoll, der sagt dann auch mal „Ich lass mich dann jetzt halt einfach mal krankschreiben, mir geht’s nicht gut“ und schon hängt man da und wer soll denn jetzt dann kommen? Einer kam grade aus dem Dienst, der nächste ist im Urlaub und deswegen war es für mich immer so schlimm, das hat mir dann immer wirklich Angst gemacht.

Paula: Aber der Springerpool ist auch noch nicht so alt.

Katrin: Jedenfalls eine sehr schöne Idee, begrüße ich sehr.

Katrin: Es ist halt nicht so leicht umzusetzen bei jemanden, der im Saarland wohnt und keine Kapazitäten hat.

Christin: Ja, natürlich.

Paula: Da muss man dann halt mit der Person schauen, ob es Regelungen gibt, die für ihn okay ist und ansonsten passt es vielleicht noch nicht zusammen, aber das sollte dann halt auch leichter werden, wenn wir mehr Standorte haben.

Christin: Das wird dann ja auch immer bekannter, das spricht sich halt auch rum. Sowas braucht ja auch immer so ein bisschen Zeit. Wie hat Oma immer gesagt „Gut Ding will weile haben.“ – Aber das mit dem Springerpool ist sehr cool. Finde ich eine coole Sache. Habt ihr eine bestimmte Philosophie, wonach ihr wirklich arbeitet?

*Alle fangen an zu lachen*

Paula: Wir haben halt so bestimmte Grundwerte, nach denen wir arbeiten. Wir wollen ein verlässlicher Partner für jeden sein, der Assistenz haben möchte oder hat. Wir wollen empathisch arbeiten und individuell, das gehört ja irgendwie zusammen. Wahrnehmen, was der andere möchte und das dann auch so umsetzen in dem Rahmen, wie es geht. Wir wollen halt Angebote schaffen, die unsere Kunden wollen und nicht Angebote, an die sich unsere Kunden anpassen müssen. Das ist glaube ich so, das Größte, womit man es beschreiben kann – relativ kurz.

Christin: Okay, cool.

Katrin: Jeder Mensch ist ja auch individuell und unterschiedlich und wie ist es bei euch? Wie geht ihr damit um? Kommt ihr da auch manchmal selber an eure Grenzen? Merkt ihr dann manchmal auch selber, das passt nicht. 

Paula: Ja, also es gibt einfach auch Menschen, die haben Erwartungen und Vorstellungen, die wir nicht erfüllen können, so das ist erst einmal wertfrei. Wie z. B. das mit den mit dem Blockdiensten, wenn jemand nur 48 Stunden am Stück seine Assistenten bei sich haben möchte, dann passt das mit uns halt nicht zusammen, aber es gibt auch Menschen, mit denen funktioniert auch die Chemie nicht.

Christin: Ich finde es immer so schön, das es wirklich menschlich ist. Es muss nicht funktionieren, auch nicht für einen Assistenzdienst und das finde ich auch immer so interessant, wie eben auch diese Philosophie ist. Muss man das machen, weil man das Geld dahinter sieht? Oder sagt man wirklich „Nee, es passt halt vielleicht einfach nicht.“ Und da ist dann die Menschlichkeit wichtiger.

Paula: Na also bei uns geht sowieso Qualität immer vor Profit. Wir haben eben auch Fälle, wo wir umsonst arbeiten oder als Arbeitgeber, Budgetassistenz oder wo wir einen Stundensatz bekommen, von dem wir vielleicht gerade so kostendeckend arbeiten können. Wo wir das halt aber trotzdem gerne machen.

Christin: Finde ich schön.

Paula: Das ist uns wichtiger, weil wir nicht möglichst viel Geld verdienen wollen, sondern möglichst vielen Leuten coole Assistenz bieten wollen.

Katrin: Da haben wir die Philosophie.

Christin: Was mich auch noch interessiert, das ist ja dann schon fast Richtung Schluss. Ich hoffe, wir haben nicht so durcheinander geredet, wir haben nichts vergessen. Da kam dann wieder eine Frage in die nächste. Ohne eben speziell Assistenzdienste zu kritisieren, aber wo siehst du generell Verbesserungsbedarf? Wo ist so die größte Problematik in den Assistenzdiensten, weil man immer wieder hört, dass es ja ebenso schlechte Erfahrungen gibt und, ohne quasi einen bewerten zu wollen, aber was denkst du, wo ist das größte Problem?

Paula: Ich glaube, die größten Probleme sind da, wo wir versuchen, Dinge anders zu machen, also die Individualität vor starre Konzepte zu stellen oder, dass das Geld wichtiger ist als der Mensch. Das ist legitime Kritik, die häufig zutrifft.

Christin: Ja, das sehen wir eigentlich auch so. Das ist auch unser Eindruck, dass die meisten, was man auch immer so hört, vielmehr darauf aus sind an den Arbeitgebern oder Assistenznehmern zu verdienen, anstatt darauf zu achten, dass es denen halt auch wirklich gut geht und eben dieses selbstbestimmte Leben haben, was sie sich wünschen.

Paula: Das geht meiner Meinung nach halt nur, wenn man alles was geht, selber mitbestimmen kann.

Christin: Ja, ich glaube, du hast das Unternehmen perfekt repräsentiert. Ich finde es wirklich schön, was ihr macht, das ist meine ehrliche Meinung. Aber ich finde, ich stehe da mit jedem Wort was du sagst total dahinter und kann das auch aus tiefstem Herzen unterstützen und unterstreichen. Um jetzt mal zu unserer Schlussfrage zu kommen, was wir ja all unseren Gästen am Ende stellen, Katrin, die stellst du ja immer so schön.

Paula: Was möchtest du denn all‘ den Menschen mit und ohne Behinderung da draußen, mit auf den Weg geben? Welche abschließenden Worte hast du für uns?

Paula: Ich würde sagen – Macht euch stark, macht euch miteinander und gegenseitig und füreinander stark wenn ihr Unterstützung braucht, dann nehmt sie euch.

Christin: Vielen lieben Dank dafür!

Christin: Den Schluss möchte ich gerne mit einem Satz einleiten, den Paula gesagt hat, wir aber aus den verschiedensten Gründen im Schnitt rausgenommen haben. Dieser lautet „Ich würde es auch schön finden, wenn es andere Leute motiviert, selber ein soziales Unternehmen zu gründen.“ Ich finde, der sagt halt wirklich so viel aus. Das zeigt auch, wie Paula und Assistenz.de von der Philosophie her wirklich sind. Sie legen nicht Wert darauf, dass alle Kunden nur bei ihnen sind und sind nicht auf das Geld aus, sondern sie wollen eine gewisse Konkurrenz haben, damit eben einfach auch andere motiviert sind, genauso gut zu sein, um all‘ die schlechten Assistenzdienste, die es nunmal auch gibt, auszulöschen.

*beide lachen*

Katrin: Oha.

Christin: Das klingt jetzt gemein, aber ihr wisst ja, was ich meine. Es sollte wirklich in allererster Linie um die Fairness gehen und um das Wohlergehen. Das sollte halt wirklich jedem, an aller erster Stelle, am Herzen liegen. Das ist das, was der Satz von Paula zum Ausdruck bringt.

Katrin: Wir haben nämlich den Eindruck erhalten, dass sie eben nicht wollen, dass nur sie den Dienstleistermarkt bestimmen, sondern dass es neben ihnen auch gute Konkurrenz geben sollte und auch muss um gute Alternativen zu den schlechten Diensten zu schaffen. Das fanden und finden wir auch weiterhin furchtbar stark. Als kurze Erklärung für all‘ diejenigen, die es nicht wissen, ein Rehabilitationträger ist eine Dienststelle, die Maßnahmen und Leistungen zu sozialen, medizinischen oder beruflichen Rehabilitation durchführen und auch erbringen.

Christin: Ja, wir dachten uns, wir erklären den Begriff nochmal ganz kurz, weil er ja auch im Interview öfter gefallen ist.

Katrin: Sollten Euch weitere Begriffe oder Dinge im Interview aufgefallen, die unklar sind, so schreibt uns doch einfach direkt, damit wir auch diese noch einmal aufgreifen und sie Euch erklären können. Da wir das schon jahrelang machen, sind viele Begriffe für uns schon totale Routine geworden und uns fällt dann meistens gar nicht mehr auf, dass wir sie für Euch, die damit gegebenfalls nicht ständig in Berührung kommen erklären sollten.

Christin: Kommen wir nun zu dem ersten Verein, den wir Euch vorstellen wollen ASL, Arbeitsgemeinschaft für selbstbestimmtes Leben schwerstbehinderter Menschen e.V.. Gegründet wurde dieser im September 1992. Anstatt vieler Fakten möchte ich Euch ganz gerne meinen persönlichen Bezug und meine eigenen Erfahrungen zu diesem Verein erzählen. Ich habe bei einem Teammitglied des Vereins, bis der Startschuss zu der Coronapandemie gegeben wurde, gearbeitet. Ich nenne sie jetzt mal Frau A., da ich mir nämlich nicht sicher bin, ob ich aus datenschutzrechtlichen Gründen so detailliert darüber sprechen darf und halte es aus diesem Grund auch ein bisschen oberflächlich.

Katrin: Anonymität finde ich auch sehr gut.

Christin: Durch meine Assistenztätigkeit war ich natürlich auch viel im Büro von ASL und habe viele interne Angelegenheiten mitbekommen und konnte dadurch auch das erste Mal so ein bisschen hinter die Kulissen eines Vereins schnuppern. Ich finde es super faszinierend, wie viele Klienten dort beraten werden und wieviel Unterstützung dort geleistet wird. ASL ist nämlich in der Budgetberatung tätig. Hat ein/e Assistenznehmer*in Interesse an dem persönlichen Budget im Arbeitgebernmodell, kann sich diese Person an ASL wenden und sich dort beraten lassen. Außerdem unterstützen die Mitglieder die Assistententeams und die Assistenznehmer*innen bei den internen Konflikten im Team selbst. Das finde ich persönlich selber total schön, denn ich habe auch schon ein- bis zweimal miterlebt, wie die Konfliktlösung dort stattfindet. Aus meiner Sicht ist es ganz wichtig, dass dann eben Leute da sind, die als Außenstehender da raufgucken und sagen „Okay, das war jetzt vielleicht falsch und das sind Lösungsansätze dazu“ und bevor wirklich eines der Teammitglieder kündigt, erst einmal nach Lösungen gesucht wird. Anstatt halt wirklich, dass Teammitglieder gleich kündigen, einfach erst mal nach Lösungen gesucht wird.

Katrin: Eine Art Mediator, der dazu kommt und der die Situation von außen auch betrachten kann. Finde ich wirklich gut.

Christin: ASL berät bei Problemen mit den Trägern und kümmert sich um die Stundenzettel, die immer am Ende des Monats eintrudeln. Diese müssen ja auch zum Lohnbüro und sollten ja auch planmäßig und zeitgemäß Ende des Monats fertig werden, damit die Gehälter auch gezahlt werden können, aber auch natürlich die Abgaben wie z. B. Krankenkassenbeiträge, Versicherung und so weiter. Da das immer durch viele Hände läuft und damit das alles immer im Zeitrahmen bleibt, kümmert sich ASL eben auch darum. Bei uns ist das nämlich so, dass wir ja zu den Stundenlöhnen auch noch Zuschläge bekommen, die ja ausgerechnet werden müssen, aber genau dabei ist diese ganze Rechnerei wirklich echt ganz schön tricky. Wann sollen die Assistenznehmer*innen dann noch leben, wenn sie sich jetzt damit auch noch auseinander setzen sollen? Das ist eine Sache, die ich eben auch wirklich sehr schön finde, was ASL macht. Das ist das Grundlegende des Vereins. Was das Ganze aber so persönlich macht und ich unbedingt mit anmerken möchte, ist, dass Frau A. sehr engagiert in der Politik ist und sich dafür einsetzt, dass alle Assistenten*innen gleich bezahlt werden. Was viele von Euch vielleicht nicht wissen, ist, dass es regelmäßig Tarifverhandlungen zwischen Ver.di und den ambulanten Pflegediensten gibt. Das mit den Tarifverhandlungen hatten wir ja auch schon einmal ganz kurz im Interview angesprochen. Allerdings ist das nicht so, dass wir Assistenten*innen im Arbeitgebermodell automatisch diesen Lohn aus den Tarifverhandlungen bekommen. Die Assistenten, die im ambulanten Pflegedienst arbeiten, bekommen automatisch diesen verhandelten Tarif – Wir aber nicht. Frau A. ist da sehr engagiert, setzt sich dafür ein, dass wir Assistenten*innen diesen Lohn ebenfalls bekommen. Teilweise ist sie sogar bei den Tarifverhandlungen dabei. Jeder kann sich das vorstellen, sobald man eine Stelle sucht und man hat die Auswahl zwischen „Ich verdiene beim ambulanten Pflegedienst viel mehr als ich als persönliche Assistentin im Arbeitgebermodell für die gleiche Arbeit.“ Welche Entscheidung würdet Ihr dann treffen? Das ist halt das Schwierige. Somit haben die Menschen mit Behinderung, die eben für dieses selbstbestimmte Leben kämpfen, den Nachteil auch noch um ihre Assistenten kämpfen zu müssen, dass die bei denen anfangen. Ich bewundere unglaublich das Engagement, das Frau A. dort leistet. Ich erzähle Euch mal von einem krassen Beispiel, halte es aber oberflächlich, da ich nicht weiß ob ich es erzählen darf. Ich war einmal in einer Sitzung im Roten Rathaus dabei. Da ging es darum, dass der nette Politiker, und das obwohl ich Ihm direkt gegenüber saß, uns Assistenten*innen als Hilfsmittel definiert und betitelt hat. Frau A. war dann so entspannt und so ruhig und hat einfach nur gesagt „Wie können sie den Menschen, der hier als meine Assistentin neben mir sitzt, als Sache betiteln? Ich war erst einmal schockiert, dass ich als Sache bzw. als Hilfsmittel betitelt wurde und dann war ich total fasziniert davon, wie entspannt sie reagiert hatte. Ich wäre dem am liebsten an die Gurgel gegangen. Diese Situation war für mich so unfassbar und skurril. Was ich aber wirklich mit dieser Geschichte ein bisschen erzählen will, ist, wie schwer es noch immer ist und wie hart all‘ das erkämpft werden muss. Viele sehen ja die Assistenz, aber niemand sieht, wie schwer das ist, sich all‘ das zu erarbeiten. Wie viele Menschen sich vorher, also vor uns, dafür einsetzen mussten, dass wir an dem Punkt sind, an dem wir jetzt sind. Es gibt einfach nach oben hin kein Limit. Es können sich einfach nicht genug Menschen dafür einsetzen. ASL ist für mich also nicht nur ein Verein, der Budgetassistenz macht, sondern eben auch ein Verein, in dem Menschen tätig sind, die für all das, was gerade in den Bereichen existiert, tätig sind und sich dafür einsetzen. Wer aber auf jeden Fall gerne mehr erfahren möchte, der schaut am Besten auf www.asl-berlin.de und wir verlinken Euch die Seite noch einmal in den Shownotes sowie bei Instagram und Facebook.

Katrin: Ich möchte Euch heute gerne Akse e.V. vorstellen. Der Verein – aktiv und selbstbestimmt – unterstützt, eigentlich wie ASL e. V. auch, unabhängige Beratung für ein selbstbestimmtes Leben und möchte betroffene Menschen stärken, damit sie einen besseren Zugang zu den eigenen Ressourcen und auch den Fähigkeiten bekommen. Dabei werden sie von den behinderten Arbeitgeber*innen unterstützt und natürlich auch begleitet, die ihre ganz eigenen jahrelangen persönlichen Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt haben. Zum Einen bieten sie auch die Beratung im persönlichen Budget an, die in zwei Punkte unterteilt ist – 1. Den Weg zum persönlichen Budget – Dabei stehen sie unterstützend beim Ausfüllen sämtlicher Anträge zur Seite, da es nicht jedem gelingt, sich durch den bürokratischen Wahnsinn durchzukämpfen. Auch zur Beratung bei der Ermittlung des eigenen Hilfebedarf stehen sie einem zur Seite und begleiten zu wichtigen Verhandlungen bei den Ämtern. Viele junge Menschen, die auf dem Gebiet des Arbeitgermodells und persönliche Budget neu sind, die sind halt einfach überfordert. Da sitzt dann halt eine Mitarbeiterin des Amtes, die einfach schon durch die vielen Jahre sehr routiniert, etwas abgestumpft ist und überhaupt keine Emotionalität an den Tag legt. Da finde ich es wirklich bewundernswert und schön, dass es Menschen gibt die einfach die Durchsetzungskraft an den Tag legen, die der ein oder andere vielleicht nicht so hat und zu solchen Terminen mitkommen. Der 2. Punkt ist die Ausführung im persönlichen Budget. Die beinhaltet natürlich die Lohnabrechnungen, dann unterstützen sie auch bei den Teamsitzungen und natürlich auch die allgemeine Beratungen für die Arbeitgeber*innen. Was ich ganz cool finde und ich habe auch schon mal mit meiner Assistenznehmerin daran teilgenommen. Es gibt alle 2 Monate einen Stammtisch für behinderte Arbeitgeber*innen, wo sie sich zusammen, in einer lockeren und entspannten Runde, über die wichtigsten Themen, ihre Erfahrungen austauschen können. Sie trinken und essen zusammen. Gerade für junge Leute, die einsteigen ins Arbeitgebermodell ist das etwas ganz Wundervolles, sich mit den alten Hasen auszutauschen. Sie unterstützen nebenbei auch noch viele Projekte, wie z. B. damals die Corona Soforthilfe.

Christin: Vielen lieben Dank dafür!

Katrin: Auf jeden Fall. Da können wir nur unseren größten Dank aussprechen und bei der EUTB, das ist – die ergänzende unabhängige Teilhabe Beratung – sind sie auch sehr aktiv und nahmen am europäischen Protesttag Anfang Mai teil. Akse leitet nebenbei auch noch viele Vorträge, Workshops und bietet Schulungen für Assistenten*innen an, bei denen sich jeder individuell beraten lassen kann. Zum Beispiel bieten sie einen Rollstuhl-Training an. Daran habe ich mit meinem damaligen Team selber auch schon teilgenommen. Es ist eine Selbsterfahrung, was das Thema – Unterwegs im Rollstuhl – noch einmal ganz anders beleuchtet. Denn mal im Ernst, wer von uns weiß denn, wie es sich anfühlt, im Rollstuhl über einen Pflasterstein zu fahren? Wie es ist, mit einem Rollstuhl über eine etwas höhere Bordsteinkante zu fahren, die leider eben nicht abgesenkt ist?

Christin: Es sensibilisiert halt ein bisschen.

Katrin: Das war eine ganz klasse Erfahrung, die ich gesammelt habe. Sie bieten natürlich auch Vorträge – Leben mit Assistenz – oder das mir so wichtige Thema – Nähe und Distanz im Arbeitgeberverhältnis – und vieles mehr an. Das waren unsere Projekte von Akse und ASL.

Christin: Wie Ihr vielleicht mitbekommen habt hängen die 3 Unternehmen bzw. Vereine zusammen, es ist aufbauend auf dem Anderen, es überschneidet sich vieles. Es war uns aber vor allem wichtig, 2  Vereine zu suchen, zu dem wir beide einen Bezug haben und eine Kombination zwischen dem jeweiligen Verein und Assistenz.de möglich wäre. Das wollten wir halt einfach so ein bisschen mit anbieten und den Weg dafür öffnen..

Katrin: Was ich als Assistentin sehr schön finde, ist, dass sie sich auch alle sehr stark in diese Richtung einsetzen. Da möchte ich einfach an alle 3 meinen größten Dank aussprechen.

Christin: Wer das jetzt hört, der selber Arbeitgeber*in ist oder jemanden kennt und Interesse daran hat, wendet Euch doch einfach mal an den Verein, denn zu einer Unterstützung sagen alle 3 bestimmt nicht nein. Kommen wir nun zu unseren versprochenen Funfacts – Jobs in der Vergangenheit – und Katrin darf sich aussuchen, wer anfängt. Schönster Job und verrückteste Erlebnisse.

Katrin: Na dann erzähl mir doch mal, meine liebe Chrissy, von deinem verrücktesten Erlebnis bei den Jobs in der Vergangenheit.

Christin: Okay, da muss ich jetzt tatsächlich nachdenken.

Katrin: *schmunzelnd* Mir ist gerade das Verrückteste eingefallen!

Christin: Dir ist das Verrückteste eingefallen? Dann fang du an.

Katrin: Alles klar. Mein verrücktestes Erlebnis. Das ist jetzt im Nachhinein natürlich auch ein bisschen peinlich.

*beide lachen*.

Katrin: Nach meiner Ausbildung habe ich sehr viel ausprobiert und war lange Zeit auch sehr unsicher, wo ich arbeiten möchte. Habe auch sehr viele Berufe ausprobiert, in viele Branchen reingeschnuppert und war kurzzeitig bei der Deutschen Post als Briefträgerin tätig. Ganz am Anfang, wenn man als Briefträger arbeitet, kennt man ja noch nicht die ganzen Leute, die dort an den Briefkastenschilder stehen. Du hast keine Ahnung, welcher Name wo steht. Du hast den Batzen an Briefen in der Hand und fängst an zu sortieren. Ich war super langsam, weil ich nicht wusste wer wo steht. Viele Einzugsbriefträger wissen ja „Ah, okay. Herr Müller gehört zu Frau Petersen, aber er steht nicht auf dem Briefkastenschild.“ Ich wusste das als Neuling nicht. Deswegen ging der Brief auch immer zurück.

Christin: Gab es ein Zeitlimit? Hattest du Zeitdruck?

Katrin: Jein. Also bis 16 Uhr sollte ich fertig sein. Hab‘ ich nur fast nie geschafft. Es gab auch verschiedene Stationen. Mein Wägelchen war dann natürlich auch leer.

Christin: Du hattest einen Wagen?

Katrin: Nein, ich hatte so einen Trolley zum Schieben und war damit quasi zu Fuß unterwegs. Da aber nicht alle Briefe für die Tour in den „Wagen“ reinpassten, gab es auf der Strecke verschiedene Stationen. Auf den Gehwegen am Straßenrand gibt es graue Kästen und da sind halt die neuen Briefe drin, um meinen Wagen neu aufzufüllen, d. h. ich musste dort die Briefe für die nächsten Hausnummern, die dran waren, rausnehmen. Ich war halt am Anfang, und wirklich nur am Anfang, nicht die Schnellste. Es kam wie es kommen musste – den letzten Verteilerkasten habe ich nicht geschafft. Es war bereits 16:30 Uhr und ich wurde angerufen und gefragt „Wo ich den bliebe?“. Ich muss dazu sagen, es war ein knochenharter Job.

Christin: Du wirst es nie wieder tun und sagst „Danke“ an all‘ die Postboten da draußen.

Katrin: Ja und an meinen Briefträger, der mir damals geholfen und mich so gut eingearbeitet hat. Ich weiß seinen Namen leider nicht mehr, aber Dankeschön.

Christin: *lachend* Wenn du das hörst melde dich.

Katrin: *erschrockend lachend* Nein, bitte nicht.

Christin: Mein verrücktester Job war der als ich Blumenverkäuferin tätig war, obwohl war es gar nicht verrückt sondern eher niedlich. Ich glaube, das war 2011/2012. Bis ich meine Ausbildung zur Pferdewirtin angefangen habe, war ich eine von denen, die auf dem Markt steht, wunderschöne Schnittblumen verkauft und damit ältere Damen glücklich gemacht hat. Davon einmal abgesehen, dass ich keine Ahnung von Blumen habe.

Katrin [00:18:11] Hattest du Stammkunden?

Christin: Ja natürlich. Es war ja jede Woche immer ein Tag in der Woche, wo Markttag war. Ich war in Dresden, ich war in Pirna und die letzte Stadt weiß ich leider nicht mehr. Ich hatte 3 oder 4 feste Tage in der Woche an denen ich zum Markttag immer in der gleichen Stadt war und jeweils meinen Stammplatz hatte. Ich kannte dann auch schon die ganzen anderen Verkäufer, das war richtig cool. Die waren auch alle super lieb und ich hatte dann auch meine Stammbäcker. Boah ich weiß noch in Pirna gab’s am Markt eine Eisdiele, die hatten Zuckerwatteeis. Das war so lecker. Ich habe seitdem nicht mehr so ein geiles Eis gefunden. Es war so blau/pink und dann so Sternchen Streusel drinne. Ich habe mir dann immer 3 Kugeln für die Rückfahrt geholt. Das war schon cool, aber es war auch hart, weil ich immer echt super zeitig los musste, da die Markttage ja auch sehr früh angefangen haben. Egal bei welchem Wetter, es hat geregnet oder es war kalt, ich stand da und das war schon blöd. Der bestbezahlteste Job war es ja auch nun auch nicht gerade, aber die Qualität der Blumen war gut. Okay Katrin dein schönster Job?

Katrin: Tatsächlich ist es ja so, dass Chrissy und ich in der Ausbildungszeit mal zusammen gearbeitet haben.

Christin: Nicht nur zusammengewohnt, sondern auch zusammengearbeitet.

Katrin: Es war wirklich eine schöne Zeit. Chrissy hat halt ihre Ausbildung in so einem kleinen Tagesimbiss/Deli gemacht. Dort wurden immer jeden Tag frische Baguettes, frische Wraps, frische Nachtische zubereitet und frische Suppen gekocht. Ich war halt in einer überbetrieblichen Ausbildung und habe in dem Deli, in dem Chrissy ihre Ausbildung gemacht hat, ein Praktikum absolviert.

Christin: Das war ein Familienbetrieb, der von zwei Schwestern geleitet wurden, die eigentlich ziemlich cool waren. Die haben uns den Laden auch alleine rocken lassen. Das war echt cool gewesen. Ich war da auch super gerne muss ich sagen.

Katrin: Es war echt eine klasse Zeit. Auf jeden Fall der schönste Job. Es war auch wirklich klasse in den Laden zu kommen. Ich bin dann von Zuhause los und manchmal war Chrissy schon da oder sie kam zwei Stunden später, weil sie die Spätschicht hatte und dann abschließen musste. Es war immer angenehm, weil wir uns immer gesehen haben. Wir haben alles zusammen gemacht. Was ist denn dein schönster Job Chrissy?

Christin: Meine Zeit als ungelernte Tierarzthelferin. Ich hab eine Zeit lang, begleitend zu meiner Ausbildung zur Pferdewirtin, bei einer unglaublich tollen Tierärztin in Schleswig-Holstein gearbeitet. Ich liebe sie noch immer über alles und habe damals sehr viel von ihr gelernt. Ich durfte dann auch bei kleinen OPs assistieren und habe dort echt viel miterlebt. Das war wirklich der schönste und zeitgleich ein so dankbarer Job. Wir haben so vielen Besitzern mit ihren Tieren geholfen. Klar, es war nicht immer schön. Wir hatten z. B. einmal einen Welpen, da hat die Hündin anstatt die Nabelschnur abzuknabbern die Pfote abgeknabbert. So etwas ist natürlich schon schlimm oder eben auch Tiere, die dann halt schlimme Erkrankungen hatten. Ich hab‘ aber einfach auch super viel darüber gelernt und dort auch nach bzw. neben meiner Ausbildung weiter gejobt. Ja Katrin, was sollen denn all‘ unsere Zuhörer spätestens jetzt machen?

Katrin: Selbstverständlich sollen sie sich jetzt auf den Weg zu Facebook, zu Instagram oder natürlich auch zu unsere Website.

Christin: www.zeitgeist-der-inklusion.de begeben.

Katrin: Ach, ich bin so stolz auf dich und uns natürlich folgen, sich die Beiträge der letzten Folgen angucken.

Christin: Ganz wichtig ist es unseren Podcast bei Apple zu bewerten. Wir haben auch noch ein paar News. Seit neuestem haben wir bei Facebook eine Gruppe, die heißt „Inklusionstalk“ und da könnt Ihr, parallel zu unseren Folgen, diskutieren.

Katrin: Natürlich auch nicht zu vergessen ist, es gibt bei uns auf der Webseite das Transkript. Da könnt ihr alles Weitere zur heutigen Folge nachlesen. Ganz wichtig zu erwähnen ist auch, wer Lust hat, seine eigene Geschichte bei uns im Podcast zu hören, der darf uns gerne eine E-Mail schreiben, bei Instagram, bei Facebook oder auch bei unseren privaten Accounts kontaktieren bzw. anschreiben. Habt den Mut und erzählt uns, was Euch im Leben widerfahren ist. Bei uns hat jeder die Möglichkeit, ganz gleich was er erlebt hat, seine Geschichte so individuell zu erzählen, wie er es möchte.

Christin: Wer ein bisschen mehr zu unseren Funfacts sehen möchte, der möge doch bitte bei Instagram gucken. Da haben wir nämlich unsere Highlights passend zu unseren Funfacts mit lustigen Fotos eingestellt. Ja, damit wären wir am Ende und auch neu ist, wir hören uns nicht in 2 sondern in 3 Wochen. Wir mussten unseren Turnus anpassen, weil wir aufgrund unserer Leben den 2 Wochenrhythmus aktuell einfach nicht einhalten können. Wir müssen parallel zum Podcast noch bei Facebook und Instagram posten, unsere Gruppe Inklusionstalk pflegen. Da wir uns ja auch nach wie vor qualitativ sehr gut auf unsere Gäste vorbereiten möchten, kommen wir einfach nicht mehr hinterher. Deswegen erst einmal im 3 Wochenrhythmus. Wir hoffen, ihr könnt es uns verzeihen.

Katrin: Genau. Bis dahin.

Christin: Bis dahin.

*gemeinsam* Tschüß.