Folge 9 – Mobbing (Teil 1) – Vom Kindergarten, über die Schulzeit bis hin zu den heutigen Auswirkungen

Jungs, Mädchen, Frauen & Männer leiten die Folge mit dem Satz „Ich bin Inklusion“ ein. Zum Schluss der Einleitung sagt Katrin „…und gemeinsam“ Christin sagt „…sind wir alle Inklusion“.

Christin: Hallo und herzlich willkommen unserem Podcast Zeitgeister Inklusion. Ich bin Christin…

Katrin: und ich bin Katrin.

Christin: Wir reden hier nicht nur über unsere Arbeit als Assistentinnen für Menschen mit Behinderung, sondern auch mit den verschiedensten Gästen, die sich mit den Themen Inklusion und Diversity, Teilhabe und Akzeptanz verbunden fühlen. Wir hoffen, wir können vor allem diejenigen mit unserem Podcast abholen, die sich bis jetzt noch keine Gedanken dazu gemacht haben und euch alles rund um diese Themen näher bringen.

Katrin: Heute ist alles ein wenig anders. Heute sind wir mal wieder seit langem unsere eigenen Gäste und widmen uns einem sehr intensiven Thema, welches auch gern zu der Kategorie Tabuthemen gehört, dem Mobbing. Womit wir auch für die gesamte Folge eine deutliche Triggerwarnung aussprechen wollen. Denn wir werden in dieser Folge vor allem über unsere eigenen Erfahrungen sprechen. Was wir erlebt haben und wie es uns ergangen ist und was das ganze auch heute noch mit uns macht. Das wird zum einen für uns ziemlich emotional, aber sicher auch für viele andere, da wir mit unseren Erlebnissen ja auch nicht alleine sind. Wer selbst unter Mobbing leidet und Hilfe benötigt, wendet sich bitte – und das ist uns ganz ganz wichtig zu erwähnen – an das Kinder- und Jugendtelefon EU weit einheitlich 116111 und bundesweit 08101 110333 oder natürlich auch sehr zu empfehlen die Nummer gegen Kummer, unter 0800 1110555

Christin: Um deutlich zu machen, wie ernst dieses Thema ist, haben wir für euch ein paar, wie wir finden, sehr ausschlaggebende und aussagekräftige Fakten zusammengetragen. Zum einen aus der Oxford University Study geht hervor, dass das Risiko, an Depressionen zu leiden, dreimal so hoch ist, wenn man an wenn man als Kind gemobbt wurde. Aus der Quelle ‚Zeichen gegen Mobbing‘ geht hervor, dass Mobbing unter Kindern und Jugendlichen zu achtzig Prozent innerhalb der Schulen stattfindet. Ich möchte mal betonen. 80% ! Zum anderen haben wir die meisten Fakten aus der Studie Cyber Live 3 aus dem Jahr 2020 vom ‚Bündnis gegen Cybermobbing e.V.‘ Und daraus geht hervor, dass jeder fünfte bis sechste Schüler in von Cybermobbing betroffen ist. Das bedeutet ein Anstieg von 36 prozent gegenüber der Studie aus dem Jahr 2017. Für diese Schüler Studie wurden deutschlandweit rund 4400 Schüler und Schülerinnen im Alter von 6 bis 21 Jahren von März bis November 2020 befragt. Unter anderem geht aus dieser Studie auch noch hervor, dass fast jeder zehnte Grundschüler in bereits Cybermobbing Attacken erlebt hat. Jeder Zehnte, das spiegelt deutlich nicht nur die immer früher Internetnutzung von Kindern wider, sondern es zeigt auch, dass Cybermobbing kein Aussterben ist, sondern ein sehr nach wachsendes Phänomen ist. Am häufigsten müssen Cybermobbing-Opfer, Beleidigungen oder Beschimpfungen, die Verbreitung von Lügen oder Gerüchten über ihre Person sowie Ausgrenzung über sich ergehen lassen. Dies bleibt nicht ohne Folgen. Während die meisten Betroffenen mit Verletzungen, Wut und Angst reagieren, gibt es einen alarmierenden Trend bei den psychosozialen Folgen. Mit unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben. Fast jede und fast jeder fünfte Betroffene konsumiert in Folge des Cybermobbing Alkohol oder Tabletten. Das sind neun und zwanzig Prozent mehr als noch im Jahr 2017. Ein Viertel der Opfer entwickelt Suizidgedanken. Was einen Anstieg von 20 Prozent ging, über der Vorläufer Studien spricht. Auffällig ist, dass bei nahezu allen psychosozialen Auswirkungen ein höherer Anteil der Cyber-Mobbing Opfer zu verzeichnen ist. Der Studie zufolge besteht ein Zusammenhang zwischen der allgemeinen Unzufriedenheit von Kindern und Jugendlichen mit ihrer Lebenssituation und den dadurch Cybermobbing ausgelösten Emotionen. So greifen Unzufriedene doppelt so häufig zu Tabletten und Alkohol und entwickeln dreimal so häufig Suizidgedanken wie Zufriedene. Man möchte immer nochmal betonen Es geht um Kinder und Jugendliche, die zu Alkohol und Tabletten greifen und Suizidgedanken haben. Die komplette Studie haben wir natürlich in der Folgen Beschreibung zum Nachlesen verlinkt.

Katrin: Was wir auch unbedingt noch anmerken wollen, ist, dass es heutzutage so viel schwieriger ist, sich dem Mobbing zu entziehen. Wir sind früher aus der Schule gekommen und hatten eine Pause von all der Ausgrenzung und negativer Energie. Heutzutage aber werden die Schülerinnen in der Schule verbal gemobbt, gehen nach Hause und dort geht es dann meist mit dem Cybermobbing im Social-Media Bereich weiter. Eine Pause zum Durchatmen ist da auch einfach nicht möglich. Und was auch ebenfalls sehr wichtig zu erwähnen ist, ist, dass verbales Mobbing natürlich noch immer in allen Altersgruppen aktuell ist und natürlich auch vorhanden. Vor allem auf der Arbeit, in den Freizeitaktivitäten, auch in einigen Familien oder auch in den Freundeskreisen, die man sich eigentlich selber aussuchen kann. Aber man ist davor auch einfach nicht gefeit. Es kann überall passieren.

Christin: Uns ist bewusst, dass wir mit dieser Folge natürlich sehr viel von uns preisgeben, auch wenn es uns zum Teil natürlich auch sehr schwer fällt, über das Erlebte so öffentlich zu sprechen. Immerhin macht es uns ja auch in gewisser Hinsicht angreifbar. Wir wissen nie wer hört es wirklich. Wer hört diese Folge und dementsprechend werdet ihr sicherlich auch merken, fällt es uns immer mal wieder schwer, darüber zu sprechen. Wir geben uns aber sehr viel Mühe und auch so ehrlich wie möglich zu sein. Allerdings traut sich natürlich kaum einer darüber zu sprechen, sei es aus Angst, Scham, Unsicherheit oder mangelnde Unterstützung. Deswegen ist es uns sehr, sehr wichtig, überhaupt darüber zu sprechen. Denn es gibt so unglaublich viele Menschen, was aus der Studie auch schon herausgeht, wie viel Menschen wirklich betroffen sind. Und wir wollen halt mit unserer Geschichte oder unseren Geschichten andere ermutigen, sich frühzeitig professionelle Hilfe zu suchen und mit Vertrauten oder Gleichgesinnten über die eigenen Erfahrungen zu sprechen und nicht unnötig alles in die Länge zu ziehen und zu denken, das geht schon – das halte ich schon aus. Und das denkt man dann wochenlang, monatelang. Dann ist es natürlich schwieriger aus der Situation herauszukommen, weswegen wir euch unbedingt ans Herz legen wollen: sprecht lieber früher mit jemanden oder sucht euch frühzeitig Hilfe, sobald der erste Gedanke kommt. Das halte ich noch eine Weile aus – dann ist eigentlich schon der Moment gekommen sich Hilfe zu suchen oder sich jemand anzuvertrauen.

Katrin: Was wir dazu natürlich vorher noch sagen wollen Die Namen sind alle geändert, weil aufgrund von Datenschutzbestimmungen und natürlich auch zum Schutz der Person werden wir die Namen nicht öffentlich nennen und haben sie in unseren Geschichten verändert. Und um euch jetzt noch kurz zu sagen, wie wir den Aufbau der Folge geplant haben. Wir werden uns selbst als Interviewpartner sehen und werden uns Fragen stellen und uns einfach selbst interviewen. Und ja, ich fang an und werde Chrissy ein paar Fragen stellen zu ihrem Leben, zu ihrer Geschichte. Und die erste Frage lautet. Wann hast du gespürt, dass etwas nicht stimmt? Wann war für dich deine erste Erinnerung als du gemerkt hast, negative Energie ist bei dir angekommen?

Christin: Ich glaube, das erste Mal bewusst gespürt hab ich das… ich habe eine Erinnerung von einem Gefühl aus der Kita. Ich habe keine Vorgeschichte, meine Mama war früher Erzieherin bei uns in der Kita und ich war prinzipiell garnicht so oft da, weil ich meistens nur vormittags in der Kita war. Meine Mama war mit meiner Schwester Zuhause aber ich hatte in der Kita eine Josy, ich nenne sie Josy. Meine Mama hat gesagt, daran kann ich mich allerdings nicht erinnern, dass es sich Josy von Tag 1 zur Lebensaufgabe gemacht hat, mich kleines Ding fertigzumachen. Ich habe eine angeborene Augenkrankheit. Das wurde aber super spät entdeckt und damals galt das auch nicht so wirklich als eine Krankheit. Ich glaub, das ist relativ neu entdeckt, also irgendwann in den letzten 10 – 15 Jahren und auffällig war, dass ich schon immer dicht am Fernseher saß oder alles dicht vor die Augen gehalten habe. Aber es ist halt nie jemandem aufgefallen, weil wir in der Familie niemand hatten, der irgendwie groß eine Beeinträchtigung hatte. Als es dann aber natürlich Richtung Vor- und Grundschule ging, wurde dann natürlich festgestellt, dass ich quasi nichts sehe. Und ihr müsst euch vorstellen, ich trage Kontaktlinsen, aber wenn ich die nicht drinnen habe, sehe ich so fünf Zentimeter vor meinem Auge. Klar. Alles andere hinter fünf Zentimeter ist verschwommen und es wurde erst so spät deutlich. Alle halbe Jahre muss ich zum Augenarzt und es kontrollieren lassen. Weil sich das erst später im Alter mit typischen Augenkrankheiten zeigt, z.B. die Wahrscheinlichkeit zu erblinden ist super hoch. So war es dann halt auch, dass ich dann im Kindergarten meine Brille bekam. Meine erste Brille und ihr könnt euch vorstellen, ich bin 89′ geboren. Eingeschult bin ich 94′ oder 95′ meine erste rosane Aschenbecher Brille bekam.

Katrin:Stimmt, damals waren die Gläser noch so dick.

Christin: Es lohnt sich bei Kindern auch einfach nicht. Also ich kann ja ganz offen drüber sprechen. Wenn ich mir eine Brille anfertigen lasse, bin ich beim Minimum 500 Euro um die Gläser auszudehnen, einfach um eine vernünftige Brille zu haben. So, das mach mal bei einem Kind, wenn alle halbe Jahre sich die Sehstärke verändert. Da nimmst du halt eine hässliche Fassung. Damals gab’s halt einfach nur rosane oder blaue. Also es gab halt einfach in dem Jahr noch keine schönen Brillen. Heute ist das Gott sei Dank anders. Und so rannte ich dann Brillengläser größer als mein Kopp – quasi rannte ich dann durch den Kindergarten und da Josy es ja schon von Anfang an auf mich abgesehen hatte, war das Drama damit quasi besiegelt, oder der Anfang, wie man es nimmt – es hat dann erst recht begonnen und sie hat mich damals schon ausgegrenzt und ich hab aber wenige Erinnerungen daran. Aber vom Gefühl her, um auf deine Frage zurückzukommen, hab ich da vom Gefühl die ersten Erinnerungen, dass ich mich ausgegrenzt gefühlt habe. Meine Mama sagt allerdings, ich hab dazu auch mein Gutes zu beigetragen. Ich war halt immer von meiner Art her schnell bockig. Ich habe schnell geweint. Ich habe Situationen superschnell verlassen. Es war meine Art und Weise damit umzugehen. Hat Josie was Doofes zu mir gesagt? Hab ich geweint und bin weggelaufen. Das ist halt so die Art gewesen, damit umzugehen, die Situation zu verlassen. Und ich bin halt ein Mensch, der nah am Wasser gebaut ist und das hab ich damals halt voll ausgelebt. Und dazu dann halt auch noch dieses bockige von dannen stampfen, das war dann halt immer noch so das i-Tüpfelchen. Also dass sie halt immer noch einen Grund hatte, darauf rumzuhacken, dass ich weine und bockig davonlaufen, mich halt auch einfach ärgern lassen hab.

Katrin: Und die Josie? Josie begleitete dich so durch deine Kindheit, durch deine Jugend. Wie ging es weiter im Kindergarten, nach dem Kindergarten, in die Grundschule, den Wechsel zur Regelschule? Änderte sich deine Klasse oder sind prinzipiell du bist ja auf dem Dorf aufgewachsen bist – sind alle deine Kindergarten.Freunde mit in die Grundschule gekommen? Und ging es da in der gleichen Konstellation weiter oder hat sich irgendetwas verändert?

Christin: Ja, Dorfleben. Josie wohnte natürlich auch bei mir im Dorf. Unsere Eltern haben zum Teil auch zusammen gearbeitet.

Katrin: Hast du sie dann auch oft privat gesehen?

Christin: Ich glaube schon. Ich habe generell sehr wenig Erinnerungen an meine Kindheit. Aber ich möchte behaupten, wir haben uns auch privat gesehen. Ich hatte dann noch einen Buddy, einen coolen Buddy. Wir nennen ihn Jacob. Jacob ist immer noch ein cooler Buddy.

Katrin: Schön, dass du jemand von damals hast, der dir positiv in Erinnerung geblieben ist.

Christin: Ja und das, obwohl Josie und Jacob im Kindergarten mal geheiratet haben.

Katrin: Oh, hört ihr das?

Christin: Er hat es aber irgendwann später mal sehr bitterlich bereut. Mit Jacob habe ich mich halt außerhalb supergut verstanden und ich hatte auch abseits dieser Kindergartenclique andere Freunde. Die waren aber, ich glaube, ein oder zwei Jahrgänge jünger als ich, die mich danach noch weiter begleitet haben. Wir hatten zwar schultechnisch nichts miteinander zu tun, hatten aber in der Freizeit viel miteinander zu tun. Josie hat mich aber bis zum letzten Tag der zehnten Klasse begleitet. Sie hatte es sich anscheinend zur Lebenesaufgabe gemacht, mir das Leben zu erschweren. Als wir dann vom Kindergarten in die Grundschule, die einen Ort weiter war, gewechselt haben, ging das eigentlich weiter. Es hat quasi nie wirklich ganz aufgehört. Josie hat es taktisch immer ganz klug angestellt. Am Anfang unserer Wechsel, Kita, Grundschule und Oberschule, waren wir immer beste Freundinnen. Wir haben im Unterricht und in der Pause immer zusammengesessen, bis sie dann neue Freundschaften geknüpft hatte. Ab da an war ich dann diejenige die immer woanders stehen musste, weil ich ja für sie die Doofe war. Meine Brille war natürlich der Aufhänger #1 und mein Nachname Binde hat den Rest dazu beigetragen. Ein blöder Klassiker z. B. ist der Spruch „Blinde Binde“. Kinder haben ja dafür wenig Bewusstsein, was es bedeutet Brillenträger zu sein. Ich hatte nicht die Wahl zwischen „Du kannst eine Brille tragen“ oder „Du musst eine Brille tragen“. Es wäre vielleicht anders gewesen, hätte ich nicht so eine schlimme Stärke gehabt, wo man vielleicht auch eine andere Fassung gefunden hätte. Aber das eine bedingt hat leider auch das andere und ich konnte ohne Brille nicht und das waren ganz, ganz schlimme Zeiten. Es hat auch sogar eine Weile gedauert, bis ich eine Sportbrille bekam. Beim Ballspielen z. B. musste ich immer die Brille absetzen und ich habe dann absolut nichts gesehen. Ich habe bis heute Angst vor Ballspiele.

Katrin: Kannst du mal bitte erklären, was eine Sportbrille direkt ist? Was ist der Unterschied zu einer richtigen Brille und einer Sportbrille?

Christin: Die Sportbrille hat hinter den Ohren längere Bügel, die weiter runtergehen. Dadurch fällt sie halt einfach nicht so schnell runter, wenn man sich bückt oder rennt usw. Es war dann halt so, dass ich den Ball nicht kommen sehen habe. Ihr erinnert Euch, ich sehe ohne Brille nur etwas was 5 cm vor meinen Augen ist und beim Ballspielen sind 5 cm etwas zu spät.

Katrin: Was war das für dich für ein Gefühl im Sportunterricht, der ja doch auch das ein oder andere Mal sehr gefährliche Situationen bereit hielt.

Christin: Es war halt scheiße. Was will man denn da schön reden? Erstens wirst du ausgegrenzt, wenn du natürlich bestimmte Sportarten nicht mitmachen kannst und als ich dann die Sportbille hatte, war die Angst vor dem Ball ja immer noch da. Durch die Augenkrankheit habe ich ja nicht nur die extreme Sehschwäche, sondern es fällt mir dadurch schwer gewisse Dinge zu visualisieren. Ich habe mit den Jahren erst gelernt, zu visualisieren, was da jetzt so schnell passiert und das konnte ich halt als Kind nicht. Deswegen habe ich Ballspiele gehasst. Schwimmen war auch ganz schlimm, denn mit Brille schwimmen geht nicht wirklich und tauchen auch trotz Sportbrille nicht. Eigentlich kann man sagen, dass ich grundsätzlich blind war. Ich habe zwar Farben und grobe Umrisse gesehen, aber das war es dann auch. Das Ende der Bahn habe ich nicht gesehen und geradeaus konnte ich daher auch nicht schwimmen.

Katrin: Hättest Du nicht schon als Kind dadurch einen gewissen Behindertengrad bekommen können?

Christin: Keine Ahnung. Hat ja nie einer nachgeprüft. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es überhaupt jemals Thema war. Wer in den vorherigen Folgen schon einmal reingehört hat, der weiß, dass wir mit dem Thema auf dem Dorf sowieso nie konfrontiert wurden. Ich glaube wir hatten in Folge 2 darüber gesprochen, dass ich das erste Mal im jugendlichen Erwachsenenalter mit dem Thema Menschen mit Behinderung in Berührung kam. Die Frage ist ja auch „Hätte es etwas geändert?“.

Katrin: Ja, ich denke schon.

Christin: Naja, ich wäre dann offiziell aus dem Sport rausgenommen worden, aber hätte es für mich und dem Mobbing etwas geändert? Dann hätten sie ja noch mehr Angriffsfläche gehabt.

Katrin: Ja gut, dass ist natürlich wahr.

Christin: Irgendwann haben sich natürlich auch die Modelle verändert, aber trotzdem war es immer noch schwierig. In der Grundschule hatte ich relativ lange diese Brille, die mir dann irgendwann zu klein wurde, weil mein Kopf ja dann auch gewachsen ist.

Katrin: Du bist gewachsen. Wie schön. Nun einmal weg von Josie. Hattest du denn auch Freundinnen in der Schule, denen du dich hättest anvertrauen können, die dir so ein bisschen den Rücken gestärkt, die dich ein bisschen mitgezogen oder auch aufgebaut haben? Gab es da jemanden?

Christin: In der Grundschule? Jein. Mal so, mal so, wie es halt jedem irgendwie gerade gepasst hat. In der Grundschulzeit ging es auch noch, es war nie so, dass sich alle in der gesamten Grundschulzeit gegen mich verschworen hätten. Es gab dann schon Situationen, wo meine Mama das Gespräch mit den Eltern von Josie und auch mit Josie selbst gesucht hat, aber es wurde halt von jedem abgetan. Am Tag meiner Einschulung habe ich schon geheult, weil ich nicht in die Schule wollte. Das war für mich echt schlimm. Hinzu kommt noch, dass 1995 mein Opa, der meine Vertrauensperson Nr. 1 war, gestorben ist. Das muss so kurz nach dem Wechsel gewesen sein, denn ich weiß noch, dass er die Einschulung noch miterlebt hat. Nach dem Tod meines Opas habe ich dann im gleichen Jahr mein Pony bekommen, welches mein Lebensinhalt war. Ich habe Pferde schon immer geliebt und er hat mich auch so ein bisschen aus dieser schweren Zeit heraus gerettet, da ich nach der Schule immer die Aufgabe hatte, mich um ihn zu kümmern. Anfangs hat natürlich mein Papa mein Pony morgens immer noch gefüttert rausgebracht, aber als ich von der Schule kam, hab ich das dann halt immer mitgemacht. Ich habe halt gelernt, das alles zu übernehmen. Durch die Reiterei entstanden dann auch Bekanntschaften. Durch den Reitunterricht hatte ich dann auch noch 2 andere Freunde, die mich ein bisschen unterstützt haben. Daraufhin entstand natürlich auch außerhalb durch die Reiterei andere Bekanntschaften. Ich möchte es nicht anders. Freundschaften waren weiß nicht, ob man das als Kind schon so definieren konnte, aber ich bin im Reitunterricht gegangen und hatte dann auch im Dorf wie gesagt noch zwei andere Freunde, die mich dann so ein bisschen unterstützt haben. Unser Treffpunkt war halt das Pony. Mein Pony hat mir eigentlich während dieser Zeit die Kraft gegeben.

Katrin: Wahrscheinlich auch danach und davor oder?

Christin: Genau, er hat mich die ganze Zeit begleitet.

Katrin: Um noch einmal zurück zur Schule zu kommen Wie haben die Lehrer darauf reagiert? Wie haben die Pädagogen das Mobbing von Josie wahrgenommen? Gab es Gespräche, Schulgespräche? Haben sie eingeschnitten in der Schulzeit. Wie war das?

Christin: In der Grundschule kann ich mich gar nicht erinnern, dass irgendwie mal einer was gesagt hätte. Später in der Realschule hat meine Mama mit den Lehrern gesprochen. Die haben es aber halt abgetan bzw. haben sie mit Josie darüber gesprochen und was war das Resümee daraus? Ich habe es den nächsten Tag abbekommen. Meine Mama hat dann irgendwann damit aufgehört. In der Grundschule ging es noch, so richtig schlimm wurde es erst in der Realschule. Die „Blinde Binde“ wurde von Josie quasi mit in die Realschule übernommen. Ich erinnere mich gerade an einer Situation aus der Grundschule. Kennst du noch diese Schulküchen in denen man Gummibärchen oder Gummischlümpfe kaufen konnte. Man hat immer sein ganzes Taschengeld gespart um sich 10 Schlümpfe oder Gummischlangen kaufen zu können.

Katrin: Ja kenne ich. Was ist da passiert?

Christin: Einer der Jungs, der mich immer mit am meisten geärgert hat, der wollte etwas davon abhaben, aber ich habe ihm nichts abgegeben. Daraufhin hat er mich so doll‘ geschubst, dass ich gegen die Wand geprallt bin und bis heute davon noch eine Narbe am Auge habe.

Katrin: Krass, das ist heftig.

Christin: Ja und nur weil ich ihm nichts abgeben wollte. Er hat mich halt immer schon als Opfer angesehen. Aus verbales Mobbing wurde dann halt auch physisches Mobbing.

Katrin: Würdest du sagen, ihr Verhalten hat sich im Laufe der Zeit verändert? Wurde es mit dem Wechsel von der Grund- zur Oberschule schlimmer? Nahm es mehr Ausmaß an oder blieb es auf einer Linie?

Christin: Es wurde anders. Ich würde schon sagen, dass es gleich blieb, aber mit dem Alter verändern sich ja die Bösartigkeiten und auch die Macht, die man halt hat mit dem was man sagt und wie man andere beeinflussen kann.

Katrin: Man nimmt seine Stärken ja auch anders wahr.

Christin: Ich möchte behaupten, dass man mit 7 oder 8 Jahre noch nicht in diesem Ausmaß beeinflussen kann wie dann mit 14 oder 15 Jahre.

Katrin: Bewusster.

Christin: Also du kannst bewusster einfach auch Leute auf deine Seite zum Spielen ziehen. Um auf die Pädagogen zurückzukommen. In der Grundschule kann ich mich nicht daran erinnern, dass irgendjemand mal irgendwie was mitbekommen hat. Ich war halt auch sehr still und zurückgezogen. Es aber auch Situationen, in denen ich einfach viel geweint habe. Wie bereits gesagt, hat meine Mama dann in der Realschule das Gespräch mit den Lehrer, Josie’s Elter und Josie selbst gesucht und es wurde nur schlimmer. Irgendwann hat sie dann halt gemerkt „Okay, das bringt jetzt gar nichts, das rutscht total ins Gegenteil ab. Ich kann da nichts machen.“ Ich habe mit meiner Mama auch über einen Schulwechsel gesprochen, aber ich war der Meinung, dass das nicht gebracht hätte. Klar, das Umfeld wäre ein Anderes gewesen, aber ich war ja aufgrund der Vorkomnisse schon geprägt gewesen und wer weiß, ob ich mit den Kindern anders umgegangen wäre. Als Kind bist du ja nicht so bewusst wie jetzt als Erwachsener zu sagen neuer Mensch, neue Situation, neues Kennenlernen, sondern ich wäre ja genauso auf die Menschen drauf zugegangen, wie ich die anderen verlassen habe. Das war auch dieses Skurrile daran, ich wollte die Schule gar nicht wechseln, ich wollte ja da bleiben. Es war ja nicht alles immer doof, nur weil Josie ausschlaggebend war dafür, dass sie halt immer mal wieder Leute auf ihre Seite gezogen hat, um dann gegen mich zu hetzen. Mal war es dann auch, da war sie die Doofe, weil sie irgendwas gemacht hat, die Doofe und ich war wieder die beste Freundin. Das hat halt immer oft gewechselt. Das war wie so eine Kurve, die die Wirtschaftskrise quasi darstellt. So kann man sich das wirklich vorstellen. Es gab so viele Auf’s und Ab’s – mal war ich cool, mal war ich uncool, mal war ich doof, mal war ich nicht doof und die Lehrer hat das nicht interessiert.

Katrin: Du hast ja schon erwähnt, dass ein Junge auch körperlich geworden ist. Ist Josie auch körperlich geworden?

Christin: Nein, ich glaube nicht. Zumindestens kann ich mich nicht dran erinnern.

Katrin: Wie bist du dann im Laufe der Jahre damit umgegangen? Wir haben ja vorhin in der Statistik darüber geredet, dass viele Jugendliche zu Alkohol greifen, Tabletten nehmen. Welche Entwicklung hast du gemacht? Hast du auch vermehrt angefangen Alkohol zu trinken oder hast du andere Störungen entwickelt?

Christin: Nein, bzw. jein. Klar testet man den Alkohol aus, aber nicht aufgrund der Mobbingattacken, sondern einfach weil mein jugendlich ist und es einfach ausprobieren will. Drogen nie, weil ich in meinem näheren Umkreis eine Geschichte miterlebt habe, wo eine Person fast an Drogen gestorben wäre und das hat mich einfach im richtigen Alter so abgeschreckt, dass ich nie, auch nie ansatzweise das Bedürfnis hatte, es jemals auszuprobieren. Mir ist es prinzipiell egal, wenn andere es konsumieren, aber ich habe auch gar nicht das Bedürfnis solche Sachen auszuprobieren. Es war halt abschreckend genug und deswegen kamen Drogen, noch nicht einmal Gras, für mich irgendwie in Frage. Ich hab dann als Jugendliche angefangen mit Rauchen. Es kam dann dazu, dass ich mich zusätzlich zu meinen Pferden halt auch schon immer in der Musik wiedergefunden habe und wenn ich etwas will, dann brenne ich halt auch dafür. So war es auch mit der Musik und eben auch mit den Bands. Ich war super doller Avril Lavigne Fan und hab mich halt einfach ihrem Style angepasst. Ich habe dann angefangen mich schwarz um den Augen zu schminken und habe Krawatte getragen. In Berlin wäre das vielleicht gar nicht so aufgefallen, aber in einem Dorf, wo 300 Menschen wohnen und in einer Kleinstadt, die sich gerade mal so Kleinstadt schimpft, da war ich natürlich der Aufhänger. Das hat sich Josie halt auch zunutze gemacht und hat dann halt so Sachen wie „Du musst doch mal deinen eigenen Style finden“ und „Wie rennst du denn rum?“ Sie war halt immer die Barbie und sie wollte auch immer so die Puppe sein und hat das auch nach außen getragen, sich frühzeitig irgendwie versucht zu schminken und ich war halt einfach so Kajal und schwarzer Lidschatten – fertig. Ich war halt so der krasse Gegenpart zu ihr. Ich habe da auch einfach konsequent dagegengehalten. Ich habe Avril Lavigne geliebt, ich habe es gelebt und habe das auch so verkörpert. Prinzipiell hätte ich mich ja auch, anpassen können, aber ich habe es einfach nicht getan, weil das war einfach nicht ich. Ich hatte damals auch einfach schon meinen eigenen Kopf, was natürlich, wie ich es ja schon am Anfang erwähnt hatte, vieles bedingt hat, dass ich immer leicht Opfer wurde, weil ich mich halt nicht angepasst habe. Ich habe das halt einfach durchgezogen. Ich bin dann halt rumgerannt wie Avril Lavigne und dann kam The Rasmus und ja ich hatte Federn in den Haaren und bin damit zur Schule gegangen. Katrin hör‘ auf zu lachen.

Katrin: *lachend* Du hattest Federn in den Haaren?

Christin: *lachend* Ja, ich hatte Federn in den Haaren. Du weißt gar nicht wie schwer das war diese Federn zu besorgen.

Katrin: Das lassen wir jetzt so stehen.

Christin: Ich habe es einfach gelebt. Ich war einfach so und ich bin es zum Teil auch immer noch. Ich trage keine Federn mehr, aber ich bin halt einfach so. Das hat sich Josy dann halt eben auch zunutze gemacht. Im Nachhinein betrachtet kann ich es vielleicht verstehen, dass ich beäugt wurde, weil es war niemand dort so wie ich. Die waren alle so normal und ich war dann halt einfach auch schon so ein bisschen die Außenstehende weil ich anders aussah.

Katrin: Du bist aus der Menge heraus gestochen. Es hat dich halt nicht gestört bzw. vielleicht in gewisser Weise schon. Hast du es genossen?

Christin: Nie.

Katrin: Okay.

Christin: Ich glaube, ich war mir gar nicht darüber bewusst, dass ich hätte etwas beeinflussen können, wenn ich mich angepasst hätte.

Katrin: Das ist interessant.

Christin: Ich habe das auch damals nicht als Ursache des Mobbings gesehen. Es wurde mir nach dem Motto gesagt: „Du brauchst dich ja nicht wundern, weil du bist ja wie du bist.“ Netterweise haben dann manchmal einige zu mir gesagt. „Bist du dir sicher, dass du deine Augen so schwarz schminken möchtest?“ Meine Mama hat auch zu mir gesagt: „Bist du dir sicher, dass du deine Haare von Blond auf schwarz färben willst?“ Und sie hat mich halt immer machen lassen. Das muss man ihr auch echt zugute halten. Sie hat mich total so sein lassen, wie ich möchte. Ich konnte mich total erfahren und habe das total ausgelebt. Sie hat mich nicht gezwungen oder hat nicht gesagt „Du bist ja selber schuld, dass du gemobbt wirst, wenn du mit Federn in den Haaren so zur Schule gehst.“ Sie hat gesagt: „Mach! Es ist dein Leben und wenn du dann halt heulend nach Hause kommst, dann fange ich dich halt auf.“ Sie hat halt versucht dem entgegenzuwirken, aber hat nicht versucht mich zu ändern. Ich habe diese typische Pupertätsphase eigentlich nie gehabt. Ich war mit 13/14 aus der ganzen Sache schon wieder raus. Meine Mama war immer die wichtigste Vertrauensperson für mich und deswegen hab‘ ich mich ihr auch immer anvertraut und ich denke, dass dieses Urvertrauen, was sie mir gegeben hat – der Mensch zu sein, der ich sein will – das auch gefestigt hat. Ich wüsste nicht, was passiert wäre, hätte sie mir diesen Halt nicht gegeben. Dieses Vertrauen zu sagen: „Egal was ist, du kannst immer kommen.“ Ich habe trotzdem irgendwann angefangen mich zu ritzen. Das ging auch super lange. Ich habe mich an Bein und Arm ziemlich doll verletzt, habe es zum Teil halt gut übertätowiert. Man sieht es nicht mehr so doll. Leute, die es wissen, die sehen es, aber Leute, die es nicht wissen, würden nie darauf kommen, an meinem Knöchel zu untersuchen, ob ich da jetzt Narben hab‘.

Katrin: Man weiß es ja auch nicht, man sieht es einem ja auch nicht an.

Christin: Der Selbstschmerz war halt damals quasi meine Flucht aus der Situation, meine Art die Emotionen, die halt da waren, auszulagern.

Katrin: Hat das damals jemand mitbekommen?

Christin: Keine Ahnung. Du weißt ja, wie das früher war, man hat Schweißarmbänder bzw. fragen wir mal so – welcher Mensch hat damals keine Schweißarmbänder getragen? Außer Josy, die fand das natürlich uncool, die hat lieber Armbänder getragen.

Katrin: So typisch Girlie halt.

Christin: Damit konnte man es halt gut verstecken. Oder Socken, die passen da auch immer drüber. Ich habe keine Ahnung, ob das jemand jemals mitbekommen hat. Ich denke schon, dass gerade die Familie sowas mitbekommt.

Katrin: Um mal das Augenmerk auf deine Familie zu richten, weil du es ja gerade erwähnt hast. Wie war es denn familiär? Hat die Familie dich auffangen können, bei dem was dir in der Schule widerfahren ist? Gab es halt dann auch Situationen, wo sie hinter dir standen und dir gut zugeredet haben oder wie ist das damals abgelaufen?

Christin: Wie vorher schon gesagt, meine Mama stand auf jeden Fall immer hinter mir. Ich weiß gar nicht, ob mein Papa das so mitbekommen hat. Meine Eltern waren halt 7 Tage die Woche arbeiten und viel beschäftigt. Treue Hörer werden es auch wissen, dass ich 3 ältere Brüder habe und die hatten dann schon Freundinnen. Mein ältester Bruder ist 9 Jahre älter als ich. Der hatte dann irgendwann natürlich auch schon eine Freundin. Nur meine Mama hat mich, wie gesagt, viel aufgefangen. Meine Brüder eher weniger. Ich bin mir sicher, die haben das nie böse gemeint, haben aber halt auch viel zu diesem mangelnden Selbstwert dazu beigetragen, was ich halt jahrelang hatte. Da gibt 2 Sätze von meinen Bürdern, ich weiß nicht mehr wer die gesagt hat, aber der eine Satz lautete: „Du hast Beine wie ein Döner Spieß.“ Ich war eigentlich immer ein sehr schmales Kind und auch sportlich, daher habe ich keine Ahnung, wie die darauf gekommen sind. Seitdem sehe ich übrigens Döner Spieße immer als Beine.

Katrin: Siehst du deine Beine selber denn als Döner Spieß?

Christin: Ja voll. Es hat auch nie aufgehört. Ich würde sagen, dass es mich so geprägt hat, dass ich meine Beine niemals so sehen werde, wie sie vermutlich in Wirklichkeit sind. Der 2. Satz war gewesen – Du hast einen Arsch wie ein Brauereipferd. Das sind halt so Sachen, die hab ich echt mitgenommen. Als wir dann zusammen bei Deli in der Ausbildung waren, habe ich daraufhin auch meine Essstörung entwickelt. Ich dachte halt immer, dass ich das alles wirklich habe, Beine wie Döner Spieße und einen Arsch wie ein Brauereipferd. Man googelt halt nach „Wie wird man am Besten dünn oder wie wird man magersüchtig?“ und dann zeigt Google ganz brav Anleitungen und Erfahrungen dazu. Also keine direkte Anleitung an sich, aber Die haben dann später dann auch. Aber als ich viel älter war, jugendlich war, wo wir zusammen eine Ausbildung waren bei Delly, hab ich meine Essstörung daraufhin entwickelt, weil ich immer dachte und bin ich das? Also das ist so dummer. Man guckt, man guckt bei Google nach. Wie wird man am besten dünn? Oder wie wird man magersüchtig? Und dann zeigt ein Google ganz brav Anleitungen, Workload, Erfahrungen natürlich. Es ist also kann ich Anleitung an sich, aber es reicht ja schon, wenn eine junge Frau darüber spricht und ihre Magersucht erklärt, wie sie in der Magersucht gelandet ist. Dann war das in meinem Kopf „Ah krass, das muss ich machen. Geil. Danke.“ Sowas haben diese Sätze u. A. in mir ausgelöst. Ich habe dann dadurch echt mal eine böse Essstörung entwickelt und habe dann angefangen alle Mahlzeiten zu halbieren, habe auch super doll abgenommen, war auch sehr sehr dünn. Ich habe keine Ahnung bzw. ich weiß es ehrlich gesagt nicht, wie ich da wieder raus gekommen bin.

Katrin: Bist du alleine da wieder raus gekommen?

Christin: Keine Ahnung. Ich kann mich nicht erinnern. Ich erinnere mich nur an den Weg in die Essstörung erinnern. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, wie es sich wieder stabilisiert hat.

Katrin: Aber du warst in keiner Klinik oder stationär in Behandlung?

Christin: Ich war allgemein dann mal in therapeutischer Behandlung, also das ganze Gesamtpaket wurde da therapiert. Das war halt die Folge daraus, dass meine Brüder irgendwann mal aus Jux und Tollerei, so etwas zu mir gesagt haben. Das hat es mit mir gemacht und das trage ich mein Leben lang mit mir herum. Wie gesagt, ich würde ihnen nie einen Vorwurf daraus machen. Ich bin mir zu 100 prozent sicher, das sie es nie böse gemeint haben. Aber bezüglich meiner Körperperspektive gemacht hat, hat es halt super viel in mir kaputt gemacht. Meine Schwester ist 4 Jahre jünger als ich und sie hatte auch ihr eigenes Päckchen zu tragen. Jetzt ist sie mir eine größere Stütze als früher und ein besserer Halt für mich. Sie ist quasi über mich hinausgewachsen, im wahrsten Sinne des Wortes. Früher war es eigentlich von der Familie her gesehen wirklich nur meine Mama und mein Pony. Dann halt noch die Musik und als die Schule dann zu Ende war noch die Freunde außerhalb – DU also Katrin, du kamst dazu. Selbst in der Schulzeit war es der Familie nie bewusst. Sie waren da – ja, aber ich glaube auch nicht, dass sie das so mitbekommen haben.

Katrin: Hast du darüber geredet?

Christin: Keine Ahnung. Weiß ich nicht mehr, ob ich das so bewusst ausgesprochen habe. Damals hieß das ja auch nicht Mobbing. Damals wurde man gehänselt. Es hieß ja immer – jeder wird gehänselt.

Katrin: Um jetzt nochmal in die Thematik einzusteigen, die sich in der Realschule zugetragen hat. Was ist denn so für dich in der Zeit am krassesten im Gedächtnis hängengeblieben? Gibt es ein Beispiel, dass du gerne den Zuhörern erzählen möchtest?

Christin: *lachend* Mögen eher nicht so.

Katrin: *lachend* Du musst! Du hast keine Wahl, du bist hier Gast bei Zeitgeist der Inklusion.

Christin: *lachend* Danke, liebe Katrin.

Katrin: *lachend* Sehr gern.

Christin: Ja, bis auf natürlich die ganzen kleinen Schikanen, die sich natürlich zu dem Großen gehäuft haben, was Josy halt gemacht hat. Diese permanenten 4 Jahre Realschule, die sie mich am Ende auch immer wieder ausgegrenzt und fertiggemacht hat, gab es eine ganz, ganz, ganz schlimme Situation. Ich hatte mit 14 mein erstes Mal und ich habe damals mein zweites Pferd gekauft und der Junge, ich nenne ihn mal …

Katrin: … Paul.

Christin: Nein, ich kenne einen Paul, den ich mag. Bernd, ich kenne keinen Bernd, den ich mag.

Katrin: Okay.

Christin: Ich kann doch nicht jemanden nach Paul benennen, den ich total scheiße finde, aber habe dann einen Paul den ich mag.

Katrin: So viele Bernds kommen in unserer Generation aber auch nicht mehr vor.

Christin: Ich habe mein zweites Pferd von Bernd gekauft und war dann halt an den Wochenenden viel unterwegs, weil er halt auch in der Reiterei unterwegs war und habe dann halt so geholfen die Pferde fertig zu machen und so weiter. Er konnte natürlich auch Moped fahren und das war super cool damals. Irgendwann kam Bernd öfter dann halt auch mal zu mir und wollte natürlich nur gucken, wie es seinem Pferd geht und irgendwann sind wir auf dem Heuboden gelandet.

Katrin: Uiiiiiii.

Christin: Nein, das war nicht „Uiiiiii“.

Katrin: Oh, schade.

Christin: Ich hatte damals sogar meine Mama um Erlaubnis gefragt. Man muss dazu sagen, dass man irgendwie in der Schule auch unter Druck stand. Jeder hat über das erste Mal gesprochen, wie es so war usw. und jeder hatte einen Freund – nur ich nicht, ich hatte nie einen wirklichen Freund, weil mich niemand gemocht hat. Meinen allerersten festen Freund hatte ich mit 17. Auf jeden Fall hatte ich dann in einem guten Moment, den es dann mal wieder zwischen mir und Josy gab, ihr von der Geschichte mit dem besagten Bernd erzählt. Ich erinnere mich noch sehr genau daran. Die Parallelklasse und unsere Klasse wurden zusammengesetzt und die Parallelklasse war bei uns. Sie saß mit Ines zusammen an einem Tisch, ich weiß es noch ganz genau, es war hinten links am Fenster und ich saß vorne rechts an der Tür, da ich ja trotz Brille nicht gut sehen konnte. Ich konnte nie von der Tafel abschreiben, das war auch ganz schlimm. Trotz Brille konnte ich nie von der Tafel abschreiben, ich habe nie etwas gesehen.

Katrin: Wie hast du es dann damals gemacht? Ich muss kurz zwischen grätschen.

Christin: Ich habe meine Sitzbanknachbarn gefragt und habe bei denen abgeschrieben.

Katrin: Okay.

Christin: Dann kam plötzlich ein Zettel bei mir an, in dem stand, ich Schlampe solle aufhören rum zu erzählen, dass ich etwas mit ihrem Freund hab‘. Der Zettel kam von Ines und es ging um Bernd. Ich wusste bis dato noch nicht einmal, dass die sich kennen. Er würde nie etwas mit mir anfangen. Ich wäre so hässlich und brauche mir nicht einbilden sowas zu erzählen. Ich mache das nur um Aufmerksamkeit zu bekommen. Der Funfact an der ganzen Sache ist, an dem Tag war Bernd, der damals schon ein Azubi als Elektriker war, an unserer Schule tätig. Ich habe dann halt zurückgeschrieben, dass das stimmt, ich das nicht erfunden hab und ich nicht gelogen habe, dass das halt wirklich passiert ist. So ging halt diese Zettelmiesere hin und her, bis Bernd zum Stundenende durch die Tür kam und es geleugnet hat. Er hat gesagt, ich hätte mir das alles ausgedacht und das es wunschdenken von mir gewesen wäre.

Katrin: Ach krass.

Christin: Ja, das war so mit das schlimmste was passiert ist. Ich möchte nicht behaupten, dass ich dadurch ein Männertraume habe, aber ich möchte schon sagen, dass ich dadurch mit sehr viel Vorsicht und Skepsis an Dinge herangehe, die Männer versuchen mir zu erzählen. Ich stelle halt vieles in Frage. Das hat halt echt schon viel Skepsis in mir ausgelöst, die bis heute geblieben ist.

Katrin: Hattest du danach mit Bernd nochmal über das Thema gesprochen?

Christin: Nie. Ich glaube, wir haben uns auch nie wiedergesehen. Bestimmt mal so flüchtig, aber nie bewusst. Heute würde ich es anders machen, aber ich war damals einfach nicht so charakterstark. Ich hatte halt einfach nicht den Arsch in der Hose zu sagen: „Sag‘ mal, bist du total bescheuert?“

Katrin: Hat es die ganze Klasse mitbekommen?

Christin: Ja, zum Teil sehr viele.

Katrin: Das ist übel. Ein richtig übles Thema.

Christin: Josy hat das halt auch so gepusht.

Katrin: Es war wahrscheinlich auch der Aufhänger?

Christin: Es hat sich auch ewig nachgezogen. Wenn ihr euch erinnert, ich war 14 und ich ging ja danach noch 2 Jahre weiter zu Schule.

Katrin: Das hat dich wahrscheinlich die nächsten zwei Jahre noch begleitet.

Christin: Ja, zwei Jahre können sehr lange werden und ich hab auch bis heute. Ich habe nie am letzten Schultag Projekt teilgenommen. Mir wurde immer gesagt, ich würde es bereuen. Ich habe es bis heute nie bereut. Ich habe die Schule gehasst. Ich hatte so oft Magenschmerzen und wollte nicht zur Schule. Was ich morgens geheult habe, dass ich nicht zur Schule will. Meine Eltern hatten aber keine Wahl und ich musste zur Schule. Wie oft saß ich beim Arzt, wie oft wurde ich durchgecheckt, wegen irgendwelchen Magenschmerzen. Bis heute bin ich magenempfindlich auf Stress. Das ist halt echt geblieben. Klar, es gab gute Zeiten, das will ich um Gottes Willen nicht absprechen, aber diese Situation war das, was echt heftig war. Also was in so einem vierzehnjährigen Menschen ausgelöst wird, in so einer Situation auch ganz alleine zu sein. Niemand zu haben, der sagt: „Hey, ich glaube dir“. Das war schlimm. Jeder aus der Klasse guckt dich an bzw. die, die es mitbekommen haben. In so vielen Situationen, wenn Mobbing oder Schikane gerade durchgeführt wird, ist kaum einer für jemanden da. Es waren ja nicht alle schlimm und es gab auch mal Mädels bei denen ich nach der Schule war, aber es war halt nie jemand da, der immer zu mir gehalten hat. Es wurde immer gewechselt, mal war Josy cool und mal ich.

Katrin: Hast du diese Gefühle mitgenommen, wenn du heutzutage in unangenehme Situationen kommst? Was macht das mit dir? Fühlst du dich manchmal noch zurückversetzt in die Schulzeit? Hast du dann das Gefühl, du bist wieder die kleine 14jährige Tini, die „blinde Binde“ in dem Sinne oder konntest du das aufarbeiten?

Christin: Naja, ich hab ja dann die Therapie gemacht. Damit hab ich ganz viel bewältigen können. Als ich aus der Schule raus war, hab ich quasi angefangen ein neues Leben zu führen, mit Freunden, die ich mir aussuche. Das hat auch schon viel ausgemacht. Dadurch, dass man gemerkt hat, dass da Leute sind, die das Gleiche erlebt haben, die einen verstehen, da habe ich angefangen mein Selbstwert wieder aufzubauen. Ich hab‘ halt super viel mit mir gearbeitet, um das aufzuarbeiten. Ich hab sehr zeitig angefangen, mit meinem inneren Kind zu arbeiten, nicht nur schulische Psychologie in Anspruch zu nehmen, zunehmend auch alternativ Familienaufstellungen, Energiearbeit, Meditation, Yoga. Ich hab sogar ein Kissen mit meinem Kinderbild darauf. Das kann ich nur jedem empfehlen. Letztes Jahr gab es aber eine Situation, wo ich von einer Assistenznehmerin gemobbt wurde. Da hab‘ ich echt schlucken müssen, weil ich gedacht hätte, ich wäre schon weiter in meiner Aufarbeitung. Das hat mich total zurückversetzt. Sie hat mich so fertiggemacht, die hat mich so schlimm gemobbt, dass ich nicht wusste, dass das möglich ist. In den Reitbetrieben wo ich vorher war, habe ich ja auch viel aushalten müssen, aber Mobbing in dem Sinne hab ich danach nie wieder erfahren, außer letztes Jahr und das war echt heftig, weil ich in der Situation nicht umgehen konnte und ich auch gemerkt habe, was dieser psychische Druck dann plötzlich mit dem Körper gemacht hat. Ich hatte ganz schlimme Nervenzuckungen, das war richtig heftig. Ich glaub, ich hab das ein oder zwei Monate ausgehalten und es wurde ja erst zum Schluss richtig schlimm und da habe ich auch gleich die Reißleine gezogen und gesagt ich bin weg, das kann ich nicht. Ich hab‘ auch das Gespräch gesucht, aber sie hat das Null gesehen. Sie hat das überhaupt nicht wahrgenommen, was sie da gerade macht. Das war so schlimmes Mobbing gewesen, was ich nie für möglich gehalten hätte. Es war sogar so schlimm, dass ich gesagt hab, ich werde nie wieder als Assistentin praktizieren. Ich wollte das voll an den Nagel hängen. Also das war letztes Jahr im Sommer und da habe ich dann gesagt: „Das war’s! Nie wieder.“ Das war echt schlimm gewesen. Ich arbeite auch immer noch super viel damit. Es wird auch nie aufhören, denke ich. Ich denke, man wird ein Leben lang mit diesen Jahrzehnten, dem man diesem Durck und diesem Mobbing ausgesetzt war lernen umgehen zu müssen.

Katrin: Hast du danach jetzt im Erwachsenenalter die Möglichkeit gehabt, mit Josy in Kontakt zu treten und mit ihr über die damalige Situation zu sprechen? Konntet ihr euch aussprechen? Hattet ihr Kontakt nach der Schulzeit?

Christin: Ja, hatten wir. Ich habe sehr lange gebraucht. Damals kam ja Schüler VZ und sowas. Ich hatte den Kontakt zu allen abgebrochen. Hatte zu niemand aus der Schulzeit auch nur irgendeinen Kontakt. Ich hab das zu 100% abgebrochen, außer Jakob. Ihr erinnert Euch – mein Kindergartenfreund. Jakob ging aber leider nicht mehr auf die weiterführenden Schulen. Da wir aber im gleichen Dorf gewohnt haben, hatten wir in unserer Freizeit viel miteinander zu tun. Bis dann Schüler VZ kam und so alle wiedergefunden wurden. Aber ich habe super lange gebraucht, um da zu sagen: „Hey, ich nehme den Kontakt auf.“ Es gab mal ein Klassentreffen zur Grundschule, da hab ich hab ich aufgrunddessen, dass Josy da war, nicht dran teilgenommen. Irgendwann, als dann Facebook kam oder doch MySpace, da hat man halt so die ganzen alten Schulkontakte wieder aufgenommen und diese seiner Liste nebenbei laufen lassen. Ohne richtigen Kontakt zu haben, kam das Thema mal auf und ich weiss wir hatten darüber geschrieben. Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam, dass ich ihr gesagt hab‘, was das mit mir gemacht hat und sie versucht hat sich zu entschuldigen. Ja, sie hätte es damals nicht besser gewusst oder so irgendwie.Aber auch das habe ich abgeblockt. Ich habe gesagt: „Das war halt scheiße von dir und ich nehme deine Entschuldigung einfach mal nicht an. Ich bin einfach noch nicht so weit“. Ich wäre jetzt soweit, dass ich ihr gegenübertreten könnte, weil ich wüsste, dass ich konter geben kann. Ich würde mich vor der Situation nicht mehr davon schleichen, aber ich muss sie auch nicht provozieren, ich muss sie nicht treffen. Ich finde halt, man braucht nicht Menschen zu konfrontieren, um mit gewissen Dingen abzuschließen, man braucht die Person nicht dafür. Ich glaube, das liegt vor allem viel an der Selbstarbeit. Natürlich hab‘ ich das Bedürfnis ihr mal ins Gesicht zu schreien und zu schlagen, wenn ich ehrlich bin. Ich hoffe natürlich auch nicht, dass ihre Kinder Mobbing erfahren. Aber ich hoffe schon, dass das Leben einen Ausgleich schafft. Aber ich wünsche ihr nichts Schlechtes. Ich wünsche niemandem, dass er Mobbing erfährt, nicht einmal meiner schlimmsten Erzfeindin Josy. Aber ich hoffe, dass sie ein Leben lang ein schlechtes Gewissen hat. Das ist mein Recht, möchte ich behaupten.

Katrin: Ja, das würde ich auch so sagen. Gut, Christin Binde, dann danke ich dir für dieses ausführliche Gespräch.

Christin: Merci.

Katrin: Ich entlasse dich hiermit in den wohlverdienten Feierabend.

Christin: Welchen Feierabend? Willst du dich jetzt aus der Misere schleichen?

Katrin: Ja. Ich muss los. Ich muss jetzt gehen.

Christin: Ist klar.